Lissabon zeigt Gesicht: Mouraria Copyright: Eva Mäkler

Lissabons spannendstes Viertel: Mouraria

Lissabon: Streetart im Stadtteil Mouraria. Copyright: Eva Mäkler„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing‘ nicht ihre Lieder …“ Das alte Lied von Franz Josef Degenhardt mag manchen Touristen einfallen, die abschreckende Bilder des alten Lissaboner Mauren-Viertels Mouraria im Kopf haben. Die Lisboetas hatten nie diese Einstellung zu dem „Problem-Stadtteil“, der sich anschickt, keiner mehr zu sein. Vor allen seine Lieder haben sie nie aufgehört zu singen: Der Fado wurde und wird immer wieder neu in der Mouraria geboren. Und mittlerweile auch jede Menge neues Leben. Noch sind viele Häuser vom Verfall bedroht, doch die Renovierungsarbeiten sind trotz Krise im vollen Gang. Welche Priorität die Stadt der Wiederbelebung des Viertels einräumt, hat der Bürgermeister, António Costa, 2011 mit einem deutlichen Signal klar gemacht: Er verlegte seinen Amtssitz für zwei Jahre an den Intendente-Platz – genau dorthin, wo sich bis dato weder Einheimische noch Touristen freiwillig bewegen sollten. Der Platz und die umliegenden Straßen waren von Prostitution, Drogenhandel und Kriminalität beherrscht. Entsprechend „begeistert“ waren Costas Mitarbeiter – doch sie mussten mit. Und heute sind nicht nur sie überzeugt. Kein Stein des Straßenpflasters blieb neben dem anderen, und nach völliger Neugestaltung wurde der Largo do Intendente im Sommer 2012 mit einer wochenlangen Veranstaltungsreihe neu eingeweiht – darunter ein großes Konzert der portugiesischen Kultband schlechthin, Xutos & Pontapés. Viele kreative Events folgten und etablieren sich mittlerweile. Heute ist der Platz „in“ in Lissabon.

Lissabon_azulejos_copyright_eva_maeklerViele Gebäude am Platz zeugen davon, dass hier eine der wichtigsten Fabriken der portugiesischen Fliesenkunst zuhause war. Heute werden sie teilweise wieder mit Kunst belebt: Künstler finden hier ein Zuhause für kürzere oder längere Zeit, und Lissabons Reisende können als Touristen mit ihnen unter einem Dach wohnen – in den Largo Residências, Largo do Intendente Pina Manique, 19. Die Einrichtung ist geschmackvoll puristisch, liebevoll und kreativ zusammengestellt. Man fühlt sich tatsächlich eher wie in dem privaten Zimmer eines Künstlers als in einem Hotel – und kann das Zimmer auch wochen- oder monatsweise buchen. Hier zu wohnen, ist eine preisgünstige und authentische Alternative zum Hotel. Und auch für die Lisboetas gibt es hier immer wieder Möglichkeiten, selbst kreativ zu werden, Konzerte zu hören, Lesungen und Theatervorführungen zu sehen … oder einfach nur eine bica (Espresso) oder ein Imperial (Bier) zu trinken.

Die Lissaboner erobern sich die Mouraria zurück

Lissabon: Ausgelassenes Feiern rund um Martin Moniz und die MourariaNeben dem Largo do Intendente ist Martim Moniz das augenfällgste Beispiel für Lissabons Wiederbelebung der Mouraria. Der Platz war erst zur Expo 1998 neu gestaltet worden, doch das hatte seinen Ruf kaum verbessert. Jetzt gibt es ein gastronomisches Angebot, das fast eine kleine kulinarische Weltreise bedeutet und von DJs und gelegentlicher Livemusik unterstützt wird, sowie immer wieder kulturelle Events verschiedenster Art. Und siehe da – der Sommer 2012 war der erste, in dem selbst die Nachtschwärmer in Scharen auf den Platz strömten, sich in Liegestühlen am Brunnen niederließen und Sangria schmecken ließen. Ein Szenario, das für alle, die die bis dahin herrschende, bedrückende und besonders nachts auch angstbesetzte Stimmung des Platzes kannten, geradezu unglaublich war. Die Lissaboner erobern sich auch diesen Platz zurück – mit wachsender Begeisterung. Nach kaum zwei Jahren kann sich schon kaum noch ein Lisboeta einen Sommer ohne unzählige laue Nächte auf dem Intendente vorstellen. Für spontane Treffen mit Freunden. Open-Air-Kino-Sessions. Durchgetanzte Nächte …

Der Alltag schreibt hier Stadtgeschichte

Lissabons Platz Martim Moniz steckt voller Leben Copyright: Eva MäklerDie Kriminalität ist damit nicht gänzlich verschwunden aus der Mouraria – doch ihre Rückzugsgebiete werden immer kleiner. Und es gibt viele Initiativen für die Bewohner dieses Stadtteils, die ihnen eine neue Teilhabe am Leben ermöglichen soll, ohne Illegalität. Es geht darum, stolz zu sein auf die internationale Tradition und Gegenwart. Und dabei endlich eine andere Tradition zu brechen: die der Ausgrenzung. Beides gehört schon zur Geburtsgeschichte der Lissaboner Mouraria.
Das „Maurenviertel“ war nämlich der damalige Außenbezirk, in den Dom Afonso Henriques im 12. Jahrhundert die Mauren vertrieben hat. Ein Ort für Ausgegrenzte, Vertriebene und plötzlich Heimatlose, die ihren Kindern hier eine neue Heimat bauen. So entsteht eine immer neue Mischung der Kulturen. Heute leben hier neben oft älteren alteingesssenen Lisboetas vor allem Inder, Pakistaner und Chinesen. Im und um das Einkaufszentrum „Centro Comercial Mouraria“ bei Martim Moniz lässt sich das daraus resultierende Alltagsleben kondensiert erleben: Hier deckt man sich mit Essenszutaten aus der Heimat ein, hat es aber auch nicht weit bis zum Friseur aus der Heimat oder zum Arzt, der mit den Mitteln der traditionellen chinesischen Medizin heilt.
Der Zusammenhalt ist stärker als der Kampf. Auch den gibt es immer noch. Aber Kunstprojekte, alternative Kulturzentren und Nachbarschaftsinitiativen helfen enorm bei der Identitätsfindung. Das ist spannend mitzuerleben. Mouraria live: Ein fesselndes Stück Lissabon.

em

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6 Kommentare zu “Lissabons spannendstes Viertel: Mouraria”

  1. Ich fühle mich in diesem Quartier immer wie zu Hause und werde bei meinem nächsten Aufenthalt im November nach einer kleinen Wohnung Ausschau halten. Und überhaupt: Lissabon ist meine Traumstadt und ich glaube, erst wenn man sie kennengelernt hat, kann man das verstehen…

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