Auf Lisboa - Soulcity: Telmo Pires. Copyright: Eva Mäkler

Das Lissabon von Telmo Pires

„Se juntarmos todas as cores da cidade …“, so beginnt ein Liebeslied: „Wenn wir alle Farben dieser Stadt zusammenfügen …“ Ein Liebeslied an eine Stadt. Lisboa, seine Stadt: Telmo Pires. Der in Deutschland aufgewachsene portugiesische Fadosänger lebt seit vier Jahren in der Stadt des Fado. Den Text für Meu amor hat er noch in Berlin geschrieben – aufnehmen konnte er ihn bereits in Lissabon. Es war nicht nur ein Umzug zu den Wurzeln seiner Musik. Es war seine bisher größte Herausforderung: Er, der „Emigrant“, der in Deutschland bereits mit drei CDs musikalisch erfolgreich war und den in Portugal kaum jemand kennt, will es hier schaffen. Klar, dass er auf Skepsis trifft, manchmal vielleicht auch auf Neid. Aber eben auch auf die Besten seiner Branche. Die besten an der portugiesischen Gitarre, die besten Komponisten, die besten Texter … Sein Gedanke: „Wenn ich die nicht knacke, dann kann ich es vergessen.“ Das Ziel des Fado-Sängers, der die Grenzen seines Genres überschreitet: Einer von ihnen zu sein. Sein ganz persönliches Fado-Versprechen – Fado Promessa. So der Name seiner aktuellen CD, der ersten, die er in Portugal aufgenommen hat.

In Lissabon zu Hause: Telmo Pires und der Fado. Copyright: Telmo Pires
Lissabon ist für Telmo Pires untrennbar mit Fado verbunden. Aber nicht nur … Copyright: Telmo Pires

Das Ergebnis: Nach vier Jahren in der Stadt wird er geadelt. Durch einen der bedeutendsten Gralshüter seiner Kunst, das Museu do Fado. Mitverantwortlich für die erfolgreiche Bewerbung um die Anerkennung des Fado als immateriellem Kulturerbe. Die Auszeichnung trägt diese urportugiesische Musik seit November 2011, und damit hat das Museu do Fado ganz offiziell die Aufgabe, dieses Erbe zu pflegen. „Deswegen habe ich nie, nicht mal im Traume, einen Gedanken daran verschwendet, dass ich da spielen könnte“, sagt er im Gespräch mit Lisboa – Soulcity. Kurz, nachdem er dort gespielt hat. Diesen 17. Juli 2014 wird er in seinem Leben nicht vergessen. Doch seine Liebe zu dieser Stadt geht noch sehr viel tiefer. Auf Lisboa – Soulcity erzählt Telmo Pires davon, von seinen ganz persönlichen Highlights der Stadt – bei weitem nicht nur in Sachen Fado – und er zeigt Bilder, fotografische Momentaufnahmen aus seinem Lisboa.

Welche Farbe hat Lissabon?

 

Lisboa Soulcity: Telmo Pires, um an die Idee von Meu amor anzuschließen: Welche Farbe hat Lissabon?

Telmo Pires: Für mich ist Lissabon blau und rot. So fängt ja auch der Song an: O azul do Tejo … Das Blau des Tejo und das Rot der Dächer, das Rot der Erde … und wenn du von ’nem Miradouro (Aussichtspunkt, d.R.) runter guckst: Du siehst halt – blau. Du siehst den Fluss und den blauen Himmel. Das sagen dir auch alle: „Das Licht ist ja so unglaublich hier!“

Lissabons Tejo und die Brücke des 25. April. Copyright: Telmo Pires
Die Farbe Lissabons? Für Telmo Pires vor allem „blau und rot“. Hier hat er es im Bild festgehalten. Copyright: Telmo Pires

Mich haben schon so viele Freunde besucht, und Freunde von Freunden … ich habe noch nie von einem gehört, nee, das ist nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Die kommen alle an, gucken sich dann vom Miradouro das erste Mal die Stadt an und sind völlig ohnmächtig davon.

LS: Wohin führst du deinen Besuch denn als allererstes?

TP: Zur Esplanada da Graça, dem Café neben der Kirche da Graça, wo ich schon als Kind immer war. Das hat der Herr dort angefangen mit ’n paar Kisten Cola und Bier, und ist dann gewachsen. Das ist für mich der schönste Aussichtspunkt überhaupt: Miradouro da Graça, mit dieser Esplanada und dem kleinen „Café“, diesem quiosque direkt an der Kirchenmauer. Weil: Du guckst auf die Stadt drauf, du hast den Wall, du hast die Burg, du hast den Fluss, die Brücke… das Meer! Du kannst alles sehen von da oben, das ist schon sehr, sehr faszinierend. Und da kriegt man so eine kleine Orientierung – wow, was ist das denn für’n Fleck!

Graça ist sein Viertel, Lissabon seine Stadt

 

LS: Graça ist dein Viertel – und Lissabon deine Stadt? Kann man das so sagen?

Telmo Pires' Blick auf Lisboa  - vom Miradouro da Graça. Copyright: Telmo Pires
Für Telmo Pires‘ Besucher ist dies der erste Blick auf Lisboa: Vom Miradouro da Graça. Copyright: Telmo Pires

TP: Ich bin in Lissabon verliebt, seit ich vier war! Seitdem ich das erste Mal diese Stadt betreten habe mit meinen Eltern. Meine Lieblingscousinen, die eigentlich fast meine großen Schwestern sind, lebten damals in Graça. Und in dem Haus, wo ich schon als Vierjähriger war, da wohne ich jetzt! Ich bin im Ruhrgebiet groß geworden, zwischen zwei Kokereien, ’ner Zeche und ’ner Glasfabrik aufgewachsen, wo mein Vater gearbeitet hat. Gleich mit allen Allergien und Asthma-Sachen, die es gibt. Und immer, wenn wir in Portugal waren, dann wollte ich nicht mehr zurück.

LS: Hast du sonst noch Lieblingsorte in der Stadt?

TP: Ich gehe gerne in die Alfama. Ich muss ja nur ‚runter laufen, dann bin ich schnell da. Wie gestern, weil ich im Fado-Museum noch was geholt hab‘ – und dann die Straßen wieder hoch zur Graça … (lächelt) Und Chiado mag ich sehr gerne. Das Viertel hat irgendwas Großstädtisches, sie haben es jetzt renoviert, es ist schön … und dann wieder diese kleine Sträßchen, wo Du denkst, ja, das ist eine kleine Stadt im Landesinneren fast schon. Und ich mag halt eben alles, von wo man den Fluss sieht.

Ausgehen in Lissabon: Rausgehen!

 

LS: Und wo sind deine Lieblingsbars?

TP: Bairro Alto finde ich ganz gut, da gibt es ganz viel schöne Bars und Restaurants, die ich sehr gerne mag. Und es gibt in Santa Catarina den Adamastor, diesen Aussichtspunkt, mit dem noobai Café, zum Beispiel, dieser kleinen Bar. Die ist süß, und da hast du auch so ’nen kleinen Überblick.

Telmo Pires' Lisboa im schönsten Licht. Copyright: Telmo Pires
Telmo Pires‘ Momentaufnahme von seinem Lisboa zwischen Tag und Nacht. Copyright: Telmo Pires

Was in letzter Zeit sehr in ist und sehr schön jetzt im Sommer, das ist unten im Cais do Sodré das ganze Viertel, das vorher dieses verruchte Nuttenviertel war, unter den beiden Brückenbögen der Rua de Alecrim, die zum Bairro Alto hochführt. Die erste Straße dort haben sie ja neu gemacht und den Boden sogar rot angemalt. Dort die Pensão Amor – wo auch Konzerte sind! – finde ich ganz toll. Ich gehe da immer mit Leuten hin. Ach, da gibt’s ganz viele Bars.

Und jetzt auch sehr schön: Die Markthalle (Mercado da Ribeira, d.R.). Die war ja schon ein bisschen „verschrabbelt“. Jetzt hast du, wenn du reinkommst, diese Riesenglocke oben, rechts der Flügel ist noch Markt, mit Blumen, mit Fleisch und Gemüse … und der linke Saal ist jetzt komplett neu saniert, das ist jetzt so’n Luxus-Ess-Tempel. Es ist sehr laut – das ist halt wie Bahnhof. Aber du hast ganz, ganz viele Läden, wo du Sachen kaufen kannst von Eis bis Shrimps, von portugiesisch bis moderne Hamburger – alles voll bestuhlt.

LS: Hm, ist das jetzt nicht sehr touristisch?

TP: Es sind aber viele, viele Lissaboner da, weil die so völlig drauf abfahren. Auch zum Mittagessen. Und dann hast du einen kleinen Biergarten daneben, wo man halt sitzen kann. Das ist im Sommer ganz toll. Ich bin jetzt mit ein paar Leuten mal da durchgegangen in den ersten Zeiten – das ist ganz hübsch!

Was ich liebe, sind die ganz kleinen, wilden portugiesischen Restaurants. Wo Mutti und Pa an der Theke stehen und laut rumschreien, aber wo das Essen einfach toll ist – und für ’n Appel und ’n Ei. In den kleinsten Sträßchen. Das finde ich sehr, sehr erfrischend und sehr faszinierend.

Lisboa – ganz intim

 

LS: Und wenn du mal alleine sein willst in der Stadt? Wo gehst du dann hin?

Blick auf Lisboa aus Telmo Pires' Garten. Copyright: Telmo Pires
Lisboa – ganz exklusiv: Dieses Bild hat Telmo Pires in seinem Garten aufgenommen. Copyright: Telmo Pires

TP (grinst): In meinen Garten. Mein Garten lehnt an dem Hügel von Senhora do Monte. Da gucke ich ins Steinemeer, also in die Stadt rein. Stünden vor meiner Straße nicht noch zwei Häuser, würde ich bis zum Bairro Alto gucken.

LS (nach einem sehnsüchtigen Seufzer): Und wo würdest du jemanden hinschicken, der so einen Ort nicht hat?

TP: Zum Miradouro Senhora do Monte. Der ist nicht soo belagert, finde ich. Und: Da gibt es dieses kleine „Café“, diesen quiosque in dem Park bei der Feira da Ladra (großer Lissaboner Flohmarkt – wörtlich: Markt der Diebin, d.R.): Jardim Botto Machado, auf dem Campo Santa Clara – das ist auch ganz schön. Wenn nicht Feira da Ladra ist, natürlich. Dann sitzen da manchmal auch nur sieben, acht Leute.

Lissabon zu Füßen von Senhora do Monte. Copyright: Telmo Pires
Telmo Pires blickt von Senhora do Monte aus auf Lissabon. Copyright: Telmo Pires

Was ich auch sehr schön finde: Kennst du den Jardim do Torel? (Siehe auch den Artikel über neuen „Stadtstrand“ im Jardim do Torel, hier auf Lisboa – Soulcity, d.R.) Der ist toll – und es gibt sogar noch eine andere Aussichtsplattform, in Penha da França: Den Miradouro do Monte Agudo. Die haben so kleine Säulchen und auch einen kleinen quiosque; das ist eine Esplanada, die abends um sieben abgeschlossen wird, hinter einer Schule. Gestern erst war ein Freund, der früher in Lissabon gelebt hat und jetzt zu Besuch da ist, mit Leuten dort – und hat mir wieder erzählt, wie toll das ist, auch die Sicht dort.

Wo in Lissabon der beste Fado zu Hause ist

 

LS: Was ich natürlich kaum jemanden so gut fragen kann wie dich: Wo sind die besten Orte für Fado in Lissabon?

Telmo Pires und Camané in Lissabon. Copyright: Telmo Pires
Lissabon mit der doppelten Portion Fado: Telmo Pires und Camané. Copyright: Telmo Pires

TS: Oh, die besten Orte für Fado?! (lacht) Meine Küche! Da habe ich einen schönen Cassettenrecorder … Also, wenn man sich jetzt wirklich über Fado informieren und ein bisschen in die Geschichte reingucken möchte: Das Museu do Fado. Dort gibt es Führungen, manchmal auch von berühmten Leuten, visitas guiadas; bei visitas cantadas singen die auch, akustisch, mit ’n paar Musikern. Und ein CD-Shop ist da, mit meiner CD und von allen anderen auch. Und im Sommer sind natürlich diese ganzen Open-Air-Geschichten!

Telmo Pires im Lissaboner Mesa de Frades. Copyright: Telmo Pires
Lissabons Fado ganz authentisch: Dafür empfiehlt Telmo Pires das Mesa de Frades. Hier singt er gerade selbst dort. Copyright: Telmo Pires

In der Alfama ist ein Laden, nicht so wie die ganzen Fado-Restaurants für Touristen, da kann man auch einfach mal auf ein Bier hin: Wenn du vom Fado-Museum die Rua dos Remédios hochläufst, an der Tasca do Chico vorbei, das nennt sich Mesa de frades. Da kannst du auch abends um zehn hingehen, holst dir für zwei, drei Euro ’n Bier und guckst, ob z.B. gerade mal Camané vorbeikommt! Der Chef ist selbst einer der bekanntesten Gitarristen, Pedro. Da kann es wirklich mal nachts um eins sein, dass dann Camané noch vorbeikommt. Halt so’n Kollegenaustausch!

LS: Und Du?

TP: Ich bin da auch ganz oft, Gerade, wenn ich Besuch habe, dann gehen wir oft nach dem Essen noch kurz da runter auf’n Bier und gucken uns das mal an …

Rio de Janeiro und San Francisco in einem

 

LS: Und was sagst du zu denen, die nur schnell übers Wochenende zum Feiern ‚runter fliegen?

Lissabons Campo das Cebolas. Copyright: Telmo Pires
Lissabon vereint für Telmo Pires mehr als Rio de Janeiro und San Francisco … diesen Blick auf seine Stadt hat er vom Campo das Cebolas aus aufgenommen. Copyright: Telmo Pires

TP: Du kannst auch drei wunderschöne Tage haben, indem du die Stadt anguckst und dich da reinsaugst – das hängt ganz von der Person ab. Wenn die wirklich nur auf Feiern stehen, dann entgeht ihnen halt eine ganz große Perle. Eine ganz große Schönheit. Aber ich glaube, die Leute merken das in dem Moment, wo sie ankommen, dass es anders ist als woanders. Sie merken das an der Haltung der Leute, die da wohnen, an der Stadt an sich, an der Schönheit … Ich meine: Welche Hauptstadt in Europa liegt am Atlantik, hat diesen Blick, hat dieses Licht und hat Großstadt, Dorf, Atlantik und Rio de Janeiro und San Francisco in einem?! Nenn‘ mir mal eine Stadt! Die gibt es nicht!

LS: Wow, was für ein Schlusswort – muito obrigada, Telmo Pires, für diesen ganz persönlichen, liebevollen Blick auf dein Lisboa!

Interview: em

 

 

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