Statt Lissabon mal Kapverden: Wolf Gaudlitz. Copyright: Wolf Gaudlitz

Das Lissabon von Wolf Gaudlitz

„Ich hab‘ doch Flügel, ich leb‘ doch sowieso nicht auf dieser Erde …“ Das sagt einer von sich, der seine Flügel aber auch immer wieder anlegen kann. Um dort zu landen, wo er das Leben spürt, ob in Palermo, der Sahara, der Namib oder in Lissabon: Wolf Gaudlitz.

In die Wüste hat er das Kino gebracht. Mit seinem Cinemamobile. Und kam, nach über einem Jahrzehnt Arbeit, mit einem neuen Film zurück, der jetzt endlich im Kino zu sehen ist: Sahara Salaam. Mit Palermo flüstert hat er 2001 Lebenden und Toten eine Stimme gegeben, die  – zumindest bis dahin – Unerhörtes zu erzählen hatten. Klar, dass einer wie er schon längst dieser Stadt einen Film gewidmet hat: Taxi Lisboa. Den deutschen Film, der seit 1996 immer wieder in ausgesuchten Kinos die Poesie der portugiesischen Hauptstadt auf eine Leinwand projiziert. Denn Gaudlitz räumt darin nicht nur Augusto Macedo eine Hauptrolle ein, der als damals 92-Jähriger wohl der älteste Taxifahrer der Welt gewesen sein dürfte, sondern auch der Stadt selbst. Den Menschen, die hier leben, stranden, den Blick immer in die Ferne richten und doch genau spüren, dass es keinen besseren Ort für ihre Träume gibt. Für Lisboa-Soulcity malt er mit Worten ein Bild von seinem Lisboa.

„Ich hab‘ die Gerüche“

Lisboa – Soulcity: Lisboa – was sind bei diesem Wort Deine spontanen Assoziationen?

Mit Lisboas "eléctrico" traumgleich durch die Nacht. Copyright: Eva Maekler
In Lissabon traumgleich durch die Nacht: „O eléctrico“, die berühmte historische Straßenbahn von Lisboa, gehört unbedingt dazu. Copyright: Eva Mäkler

Wolf Gaudlitz: Ich hab‘ die Gerüche. Ich spüre das Meer, aber ich rieche nicht den frischen Meeresgeruch, so wie in Figueira da Foz oder auch in Cascais. Bei Lissabon rieche ich immer das Geräucherte, Gegrillte. Sardinhas, ja – und dann: O vinho! O vinho verde, sim! („Grüner“, sprich: Junger Wein, d. Red.) E mais um Sagres, pois – não, um imperial! Ein imperial (Bier vom Fass, d. Red.) braucht man dazu – und dann kommt plötzlich o eléctrico. (die berühmte historische Lissaboner Straßenbahn, d. Red.)

LS: Hörst Du die dann auch?

WG: Ja, absolut – in Taxi Lisboa ist die ja auch ganz bedeutend! Diese saudade … die saudade kommt immer wieder. Ich habe die Gerüche, den Geschmack … und jetzt kommt der Käse mit hinein … ja, ich habe Appetit. Ich möchte nach Lissabon.

Die Freiheit, sich umarmen zu können

LS: Aber was macht diese saudade nach Lisboa aus? Eigentlich sind es ja nicht das Essen und die Gerüche, oder?

Lissabons Lieblingsplatz am Rande des Bairro Alto: São Pedro de Alcântara. Copyright: Eva Mäkler
Lissabon ist ein Sehnsuchtsort; am Rande des Bairro Alto, am Aussichtspunkt São Pedro de Alcântara, spürt fast jeder diesem Gefühl nach. Copyright: Eva Mäkler

WG: Wenn das aber alles miteinander einhergeht, dann vermischt sich eines mit dem anderen. Es ist immer die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Leben ist die Sehnsucht nach Umarmung. Mit der Sehnsucht nach Umarmung sind wir im Fado! Da gehen wir ins Bairro Alto, zu den letzten Sängern, wenn sie alleine zurückgeblieben sind …

LS: Es sind also die Menschen?

WG: Die Freiheit. Die Freiheit, sich umarmen zu können und zu dürfen.

LS: Du hast das erlebt …

WG: Ach, ich habe Situationen erlebt … Gedichte habe ich geschrieben. Erst hieß es: „Ein Gedicht – ein Caipirinha“. Dann sagte ich: „Ein Caipirinha für ein Gedicht?! Machen wir eine Zeile für einen Caipirinha!“ – „Ok, ein Kuss umsonst und einen Caipirinha“! Am Ende waren wir betrunken – vor Glück!

Das Lissaboner Chapitô bei Nacht. Copyright: Eva Mäkler
Lissabon zu Füßen: Das Chapitô ist Theaterschule, Bar und vieles mehr. Vor allem ein wunderschöner Ort, um eine laue Sommernacht zu genießen. Copyright: Eva Mäkler

LS: Weißt du noch, wo das war?

WG: Natürlich! Wir haben alle Caipirinha-Bars von Lisboa durchgemacht …

LS: Und diese Caipirinha-Bar gibt’s noch?

WG: Na sicher gibt’s die – eine der besten, in der Costa do Castelo, im Chapitô! Da war ich Dauergast. Und dann an der Rua Dom Pedro V, im Pavilhão Chinês.

Da haben wir die saudade wieder

LS: Gibt es einen Ort in der Stadt, von dem du sagen würdest, dass du da die Seele der Stadt besonders intensiv spüren kannst?

WG: Der Tejo; da kommen mir gleich die Tränen, hab‘ ja dreifach schon hinein gespuckt und hinein geweint … Ich habe mir doch geleistet, mit dem ältesten Taxifahrer der Welt, einem Synonym für diese Stadt, mit Augusto Macedo, ’n paar Mal auf dem Tejo hin- und herzufahren, um meine Filmszene zu drehen. Mit dem ehemaligen Fährschiff Setubalense, das hatte ich gemietet. Da haben wir die saudade wieder, in dem, was der Tejo für Augusto Macedo symbolisiert. Den Traum, den er 80 Jahre lang hatte: „Ich wünschte, ich könnte um die Welt reisen, ich wünschte, ich würde alles sehen, ich wünschte … aber wenn ich doch wenigstens einmal nur mit meinem schönen Auto über den Tejo fahren könnte  –  ganz allein auf diesem Fährboot, das hinübergeht auf die andere Seite!“ Klar ist der Tejo etwas Besonderes.

Von Lissabons Castelo blickt man hinunter zu Tejo. Copyright: Eva Mäkler
Lissabon und der Tejo, gesehen vom Castelo. Copyright: Eva Mäkler

Ich bin so oft über den Tejo gefahren – weil für mich das wunderbarste Restaurant in ganz Lisboa, das einfachste und beste Fischrestaurant übrigens, das O Farol ist, gegenüber vom Cais do Sodré, auf der anderen Seite, am Cais von Cacilhas. Ein Traum: Tisch an Tisch, Stuhl an Stuhl, keine Trennung, in zehn Reihen, 15 Kellner, die durch das Lokal wuseln, der Chef dahinter, der alles im Griff hat – einfache, gute Küche. Und dann beschwingt wieder zurück über den Tejo, nach Hause.

LS: Zu welcher Zeit sollte man nach Lissabon fahren, um die Stadt am intensivsten zu erfahren?

WG: Nicht im Sommer. Nicht im August. Da sind alle am Meer, es ist warm … man muss auch ’n bisschen frieren, es muss so’n bisschen neblig sein. Die Sonne kommt ja auch im Winter gut durch.

LS: Der Winter ist ’ne gute Zeit für Lisboa?

WG: Immer. Erst regnet es und hört nicht auf. Dann kommen die ersten Sonnenstrahlen. Man genießt es, geht runter an den Cais, schaut über den Tejo … das ist viel besser!

Fernando Pessoa als Reiseführer

LS: Gibt es außerdem in der Nähe Orte, an die man unbedingt fahren sollte?

In Lissabon und Umgebung weilt überall sein Geist: Fernando Pessoa. Hier in Sintra. Copyright: Eva Mäkler
Lissabons Umgebung erkunden: Wolf Gaudlitz empfiehlt Fernando Pessoa als Reiseführer. Hier weist er den Weg in das aus dem Nebelschleier aufsteigende Sintra. Copyright: Eva Mäkler

WG: Nach Guincho. Nach Sintra sollte man auch hochgehen. Du musst nur Fernando Pessoa lesen und ihn als Reiseführer sehen. Und dann noch am westlichen Festlandzipfel all die Leuchttürme besichtigen, die noch da sind!

LS: Sollte man ein bisschen was von der Sprache verstehen? Welches sind für dich die wichtigsten Worte?

WG: Obrigado / obrigada, adeus, bom dia – nein, boa noiteQueria – das ist das wichtigste Wort!   („Danke“ in der männlichen und weiblichen Variante, Abschiedsgruß, „guten Tag“, „guten Abend / gute Nacht“, „ich möchte / hätte gerne“, d. Red.).

LS: Hast du ein Lieblingswort im Zusammenhang mit Lisboa?

WG: Zwei: Vamos ver! („Wir werden sehen“, d. Red.) Darin steckt Hoffen, Warten, Erwarten … alles in einem: Vamos ver!

LS: Vamos ver Lisboa! Muito obrigada, Wolf Gaudlitz.

Interview: em

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s