Im Lissaboner Zentrum: Das MUDE. Copyright: Museu do Design e da Moda

MUDE: Museumsreife Lebenskunst in Lissabon

Das MUDE ist Lissabons Museum für Design und Mode. Copyright: Eva Mäkler
Das Lissaboner Museum für Design und Mode, MUDE, kuratiert jede Ausstellung mit viel Liebe – und spielt dabei auch immer mit der Struktur der eigenen Architektur. Copyright: Eva Mäkler

Ein Museum für Design und Mode – das bedeutet viel Platz für eine alltägliche, omnipräsente Form von Kunst. Das Bewusstmachen von Prägungen. Vom Kollektiven individueller Erinnerungen. Es verspricht Exponate ohne gefühlten Museumsstaub und offene Türen zum wahren Leben. Das Lissabonner MUDE erfüllt diese Versprechen aufs interessanteste.  Es macht Spaß, seine Ausstellungen sind bestens kuratiert – und kostenlos zu besuchen, dienstags bis sonntags zwischen 10 und 18 Uhr. Noch bis 30. September kann man eine große Ausstellungs-Installation sehen, die einem besonders schillernden Beispiel für die Verquickung von Kunst, Kommerz und Leben gewidmet ist: André Saraiva.

Ausdrucksformen eines Gesamtkunstwerks

Lissabons MUDE zeigt eine Ausstellung über das "Gesamtkunstwerk" André Saraiva. Copyright: Museu do Design e da Moda
Lissabons MUDE zeigt es in seiner aktuellen Ausstellung: André Saraivas Leben ist ein Gesamtkunstwerk – für seine Graffiti ist er so berühmt wie für seine Nachtclubs. Copyright: Museu do Design e da Moda

Sein Leben ist ein Gesamtkunstwerk. Wahrscheinlich geht das gar nicht anders, wenn man als Kind politischer Exilanten aus dem Portugal von António de Oliveira Salazar 1971 im schwedischen Uppsala geboren wird, in den 80er Jahren dann in Paris aufwächst und schließlich in New York so etwas wie eine Heimat findet. Oder ein Base Camp für die Reisen zwischen verschiedenen Heimaten, in denen Saraiva immer auch ein bisschen ein Fremder bleibt.

Bekannt geworden ist er mit doppelt subversiven Graffiti, Counterparts zu den ab den 80er und 90er Jahren nicht nur die Straßen von Paris überschwemmenden Tags und politischen Parolen: Mr.  A ist eine verrückte Strichfigur, die auf hohen Schuhen durchs Leben tanzt. Auf Häuserwänden, Schildern, Briefkästen. Immer ein breites Grinsen und ein Zwinkern im Gesicht, hat sie inzwischen weltweit viele Herzen erobert.

Lissabon gibt nicht nur Graffiti rund um "Mr. A" ein vorübergehendes Zuhause im MUDE. Copyright: Museu do Design e da Moda
Lissabon macht auch im Museum gute Laune – in diesem Falle mit „Mr. A“, dem Graffiti-Alter-Ego von André Saraiva, dem das MUDE noch bis 30. September eine eigene Ausstellung widmet. Copyright: Museu do Design e da Moda

Bei den Parisern war es quasi Liebe auf den ersten Blick – ob beim Kleinkind, dem Obdachlosen oder der gutsituierten Geschäftsfrau im Ruhestand. Nur die französische Justiz konnte sich dauerhaft dem Charme seiner liebenswerten Stadtverschönerung entziehen und befand den „Wiederholungstäter“ Saraiva schließlich sogar einer Bewährungsstrafe würdig. Der kann damit gut leben. Ok, es schmerzt ihn schon, sich nun in Frankreich mit Graffiti zurückhalten zu müssen. Aber sein Mr. A reist mittlerweile unter anderem auf Chanel-Taschen um die Welt und hat heuer als Popstar für das SWR3 New Pop Festival geworben, auf eigens von André entworfenen Plakaten.

Lissabons MUDE verschmilzt Hochkultur und Pop-Art

Lissabon wird zu Andrépolis: Noch bis 30. September im MUDE. Copyright: Museu do Design e da Moda
Lissabon trifft auf Andrépolis, eine fast halluzinatorisch wirkende Vision der der neonbeleuchteten Architektur New Yorks. Copyright: Museu do Design e da Moda

Damit bleibt Mr. A das genuine Alter Ego seines Schöpfers. Des mehrfachen Nachtclub- und Hotelbesitzers, Magazinmachers und Covermodels, Filmemachers und -protagonisten. Der im MUDE außer Graffit auch Gemälde, Siebdrucke und Installationen zeigt, insgesamt rund 200 Exponate. Das MUDE will sein Gesamtwerk vorstellen, das, so das Museum, „die Pop-Sprache vertieft und an Performances erinnert – Kunst mit einem Touch Verspieltheit, eine Kontamination von Hochkultur und Pop-Art der Postmoderne.“

Poesie im Kopf und auf der Straße

In Lissabon zeigt das MUDE auch André Saraivas Plakate für imaginäre "Dream Concerts". Copyright: Museu do Design e da Moda
Lissabon lernt mit der Ausstellung im MUDE André Saraiva von vielen Seiten kennen – auch als Werber für „Dream Concerts“. Das Konzert aus traumhaften Erinnerungen entsteht dabei allein aus den Plakaten selbst. Copyright: Museu do Design e da Moda

Besonders sympathisch kommt diese Verspieltheit daher bei Saraivas Plakaten für Konzerte, die nie stattfanden: Die Entdeckung der Poesie in dem bloßen Zusammenfügen  von Namen und Zahlen, wie sie auf amerikanischen Postern der 50er bis 80er Jahre üblich war. Eine Poesie, die aus dem Wecken von Erinnerungen entsteht. Wieder das Bewusstmachen der emotionalen Qualität einer „Alltagskunst“, die in der Retrospektive museumsreif ist.

Sehr real sind hingegen persönliche Inspirationen und Erinnerungen, die der Lebens-Künstler mit den Besuchern teilt – darunter auch der erste Strafbefehl für sein „schönes Verbrechen“, wie Saraiva selbst die Graffitikunst nennt. Und ein Projekt, mit dem er Lissabon dauerhaft bereichert: Mr. A wird zum Motiv einer 106 Meter langen, 950 Quadratmeter großen und von Hand gestalteten Azulejo-Wand am Jardim Botto Machado – gleich beim Campo Santa Clara, berühmt für den großen Flohmarkt Feira da Ladra. Die traditionelle portugiesische Kachelkunst verbindet sich also mit Pop-Art, die europäische Hauptstadt der Street Art geht auch in dieser Kunst wieder ganz eigene Wege. Gesamtkunstwerk Lissabon.

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Das MUDE steht in der Rua Augusta 24, mit der Metro bestens zu erreichen über die Station Terreiro do Paço der blauen Linie. Die Website des Museums gibt es auch auf englisch: MUDE – Museu do Design e da Moda.

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