Rafael Santos in Lisboa: Rafael Santos, ein Trambahnfahrer in Lissabn. Foto: Eva Maekler

Das Lissabon von Rafael Santos

Rafael Santos und ein eléctrico 28 in Lissabon. Foto: Eva Maekler
Lissaboner Moment: Rafael Santos im Gespräch mit Lisboa-Soulcity – und prompt fährt ein Wagen der berühmten Straßenbahn 28 vorbei. Foto: Eva Maekler

„Wo ist das Castelo?“ „Wo muss ich für die Feira da Ladra aussteigen?“ „Wie komme ich ins Bairro Alto?“ Das sind die persönlichen Top 3 von Rafael Santos, wenn es um die häufigsten Touristenfragen geht. Jeden Tag. Denn Rafael ist guarda-freio. Was wörtlich bedeutet, dass er die Bremsen überwacht. Und das sagt schon viel mehr darüber aus, wie sein Berufsalltag ausschaut, als die korrekte deutsche Berufsbezeichnung: Straßenbahn-Fahrer. Wenn er vorne in der berühmten 28 steht, wird er häufiger fotografiert als der Papst, davon ist er überzeugt. Vielleicht sind es bei ihm auch noch ein paar Fotos mehr als bei seinen Kollegen, weil einige Fahrgäste ihn als den Autor des Diário do Tripulante erkennen, seines Blogs als Bus- und Straßenbahnfahrer. Bei einem Spaziergang  mit Lisboa – Soulcity durch sein Lissabon beschränkt er sich zum Glück nicht auf die kurzen Ansagen an seine Fahrgäste …

Die (Neu-)Entdeckung Lissabons: Einerseits – Andererseits …

Lisboa zum Genießen: Rafael Santos empfiehlt einen Besuch bei Santo Estêvão. Foto: Eva Maekler
In Lissabon tut sich was: Rafael Santos kennt den Ausblick von Santo Estêvão seit seiner Kindheit. Damals traf er hier noch jede Menge Freunde zum Spielen. Foto: Eva Maekler

Unser gemeinsamer Spaziergang beginnt an der Praça da Figueira und führt uns über die Viertel Castelo und Alfama zurück in die Baixa. Die Viertel, die Rafael schon als Kind erobert hat, hineingeboren in die Alfama. Er liebt diese Gegend nach wie vor, und immer noch grüßen ihn viele hier beim Vorbeigehen, umarmen ihn oder halten einen kurzen Plausch. Trotzdem ist es eine andere Alfama. Das Haus, in dem er aufgewachsen ist, und das nebenan, in dem ein weiterer Teil seiner Familie gewohnt hat, beherbergen jetzt wöchentlich andere Touristen. Wie die meisten Häuser in gutem Zustand. So bringen sie in wenigen Tagen mehr Miete ein als man mit einem hiesigen Durchschnitts-Gehalt in einem Monat bezahlen könnte.

Lissabon, Alfama: Rafael Santos besucht die Straßen seiner Kindheit. Hier zu wohnen, ist jetzt häufig Sache von Touristen. Foto: Eva Maekler
Lissabons Herz verändert sich. Auch in den Häusern, in denen Rafael Santos seine Kindheit verbracht hat, wohnen jetzt oft Touristen. Foto: Eva Maekler

Rafaels Gefühle, wenn er das sieht? „Einerseits – andererseits“, sagt er: „Es ist nicht mehr die selbe Alfama, es sind nicht mehr die selben Leute. Andererseits: Was würde mit den Häusern sonst passieren?! Leerstehen, verfallen?“ Wer noch einen sehr alten Mietvertrag hat, zahlt Mieten, die es einem Vermieter quasi unmöglich machen, ein Haus instandzuhalten. Seitdem die jahrzehntelang eingefrorenen Mieten aber für neue Mietverträge freigegeben worden sind, explodieren die Preise so, dass man sich eine eigene Wohnung mit einem Einkommen, dass hier als normal gilt, kaum noch leisten kann. Das wissen auch Vermieter. Und nehmen lieber gleich Touristen auf. Das bringt ohnehin mehr Geld. Wenn dieser Trend nicht bald von der Politik gestoppt wird, dürften die Touristen in einigen Vierteln allerdings bald ganz unter sich sein.

„Há Santos em Lisboa …“

Mitten in Lissabons Alfama: Der Largo São Miguel. Foto: Eva Maekler
Lissabon, Alfama: Der Largo São Miguel bietet Fado und das pralle Leben. Ganz besonders zu den Festas de Lisboa rund um Santo António. Foto: Eva Maekler

Noch ist es zum Glück nicht ganz so weit. Rafael weckt die Entdeckerfreude in seiner Alfama. Auf das Einerseits. Ruhige, wunderschöne Inseln im Getriebe – wie den Largo de Santo Estêvão, wo er als sich als Kind mit seinen Freunden getroffen hat. „Heute sieht man hier keine Kinder mehr spielen …“  Und auf das Andererseits. Das pralle Leben, wie es rund um den Largo de São Miguel tobt, besonders jetzt, zu den Festas de Lisboa.

Lisboa: In der Santo-António-Kirche. Foto: Eva Maekler
Lissabons Stadtheiliger hat eine eigene Kirche: Santo António. Foto: Eva Maekler

Schließlich ist Santo António gleich hier in der Nähe zuhause, in der nach ihm benannten Kirche, sozusagen im Schatten der unübersehbaren Kathedrale, der . Die Kirche des Stadtheiligen ist Rafaels Lieblings-Kirche. Von außen eher bescheiden im Vergleich zur großen Sé, von innen aber voller Licht und Prunk, ohne überladen zu wirken.

Schutzpatron Lissabons und der Liebenden: Santo António

Lissabons Stadtheiligem Santo António ist ein ganzes Museum gewidmet. Foto: Eva Maekler
Lissabons Santo António gehört zu seinem Lisboa unbedingt dazu: Rafael Santos. Foto: Eva Maekler

Ausführlich beschreibt er, wie er und seine Freunde als Kinder jedes Jahr dem heiligen Antonius einen Thron gebaut haben und damit auf dem Largo São Miguel immer ein paar Münzen von den Erwachsenen einheimsten. Eine Tradition, die die Stadt gerade in diesem Jahr wiederbelebt, indem sie den Lisboetas eine Anleitung gegeben hat, wie sie zu den Festas die tronos de Santo António basteln, ausstellen und dann zum Museu Santo António, zu finden gleich bei der Kirche, bringen können. Und noch eine Geschichte fällt Rafael zum Schutzheiligen der Liebenden ein. Eine große Rolle spielt er nicht nur für die glücklichen Paare, die am 12. Juni auf Kosten der Stadt und anderer Sponsoren heiraten, sondern auch für diejenigen, die davon noch träumen. Für sie hat der Lissaboner Trambahnfahrer einen Tipp: „Werf‘ eine Münze in das offene Buch, das die Statue von Santo António in den Händen hält!“ Angeblich soll dann das glückliche Ereignis merklich näher rücken … Ob er es selbst schon ausprobiert hat? „Não, não!“ wehrt er mit einem schüchternen Lachen ab.

Mittem in Lissabon: Bunte kleine Häuser wie in Prags Goldenem Gässchen. Foto: Eva Maekler
Die an Lissabons Kathedrale gelegene Cruzes da Sé erinnert den Trambahnfahrer und Blogger teilweise an Prags Goldenes Gässchen. Foto: Eva Maekler

Im Weitergehen findet er schnell ein anderes Thema: Die Reihe kleiner, bunter Häuser auf der anderen Seite der Cruzes da Sé erinnert ihn an das Goldene Gässchen in Prag. Ebenso wie die Straßenbahnen – gerne würde er dort mal eine fahren. Und auch eine Zeit lang in Prag leben. Zum Urlaub war er schon des öfteren dort – und hat sich dabei so intensiv mit der Stadt beschäftigt, dass er gerade einen Fotoband über Prag und Lissabon rausbringt – natürlich jeweils mit den historischen Straßenbahnen als wichtigsten Protagonisten: Lisboa e Praga de Eléctrico.

Durchkreuzte Wege

Lisboa, Rua de Santa Cruz do Castelo: Das Café 28. Foto: Rafael Santos
Mehr Lissaboner Emblematik geht kaum: So sieht Rafael Santos das Café 28. Foto: Rafael Santos.

Dieser Mann hat seinen Traumberuf gefunden, das steht fest. Ultimativer Beweis: Sein Lieblings-Café. Es steht in der Rua de Santa Cruz do Castelo – und heißt natürlich nicht zufällig Café 28: Mit Hilfe des Museums der städtischen Nahverkehrsgesellschaft, Carris, wurde hier das Modell 330 der historischen Straßenbahn zur Projektionsfläche für ein Café. Die Stimmigkeit bis ins kleinste, liebenswerte Detail ist unglaublich – verständlich, dass Rafael begeistert ist. Nachzuerleben sonntags bis donnerstags von 10 bis 20 Uhr, freitags und samstags bis 21 Uhr.

Lissaboner Alltag: Tuk Tuks am Castelo. Foto: Eva Maekler
Ganz Lissabon ist voll von ihnen: Tuk Tuks. Hier stehen sie am Eingang zum Castelo, um die Touristen abzufangen. Foto: Eva Maekler

Gibt es eigentlich auch was, was er nicht mag in seiner Stadt? Die drohende Privatisierung der Carris zum Beispiel, der Betreiber-Gesellschaft der Straßenbahnen, Bussen und Standseilbahnen sowie des Elevador de Santa Justa, des Aufzugs von der Baixa hoch zum Largo do Carmo. Und: Tuk Tuks. „Am Anfang fand ich die ersten Auto-Rikschas eine witzige Idee. Aber ihre Zahl ist explodiert, und auf der Straße respektieren sie nichts und niemanden“, sagt er. Zudem beobachtet er, dass sie sich mit fremden Federn schmücken. Und zwar nicht mit irgendwelchen: „Sie halten Schilder hoch, dass sie ‘die 28er Tour’ fahren …“ Mit seiner Empörung über die Tuk Tuks ist Rafael nicht allein. Was für viele Touristen eine originelle Variante der typischen Sightseeing-Tour ist, ergießt sich im Lissaboner Alltag wie eine Ameisenplage aus unkontrollierbaren, knarrenden und luftverschmutzenden Verkehrsgefährdungen über die Stadt.

Lisboa-Tipps vom Insider

Lissabon, deine eléctricos und Tuk Tuks ... Foto: Eva Maekler
Typisch Lissabon: Die Wege der historischen Straßenbahn 28 werden des öfteren von Tuk Tuks durchkreuzt … Rafael Santos sieht das kritisch. Berufsbedingt. Foto: Eva Maekler

Klar, dass Rafael dafür plädiert, lieber bei ihm oder bei seinen Kolleginnen und Kollegen einzusteigen. Auch, wenn das bei der berühmten 28er schwierig sein kann. Seine Antwort: Früh aufstehen. „Um acht Uhr morgens kriegt man noch einen Platz.“ Und Rafael schiebt noch einen Insider-Tipp für Fans hinterher: Die Straßenbahnlinie 15, die von der Praça da Figueira über Belém bis nach Algés fährt, benutzt normalerweise moderne Großraumwagen. „Aber nach 20 Uhr und vor acht Uhr morgens fahren da auch die historischen Wagen“, verrät er.

Mitten in Lisboa: Rafael Santos vom Miradouro Santa Luzia aus auf den Fluss Tejo. Foto: Eva Maekler
Neue Lissaboner Ziele im Blick: Rafael Santos auf dem Miradouro Santa Luzia – auch ein Ort seiner Kindheit. Mit der Linie 28 hält er hier viele Male am Tag an. Foto: Eva Maekler

Schließlich gibt es noch viel mehr als Castelo, Feira da Ladra und Bairro Alto. Rafael wünscht sich häufiger Fahrgäste, die die berühmteste Linie der Stadt nutzen, um an einer der vielen anderen Haltestellen auszusteigen. Fragen Sie ihn beim Einsteigen doch mal freundlich, wie Sie zur Casa Fernando Pessoa, zum Miradouro da Senhora do Monte oder zum Miradouro da Graça kommen. Er sagt es Ihnen gerne. Und es lohnt sich sehr …

em

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