Lissabon, Campo de Ourique: Joana Viegas zeigt Lisboa-Soulcity ihre Kunst und den "Originalschauplatz". Foto: Eva Maekler

Das Lissabon von Joana Viegas

"A minha Lisboa": Lissabon mit den Augen und der Kunst von Joana Viegas. Copyright: Joana Viegas
„A minha Lisboa“: In diesem Falle das von Joana Viegas. Nicht nur hier auf Lisboa-Soulcity, sondern auch in der Lissaboner „Leituria“. Copyright: Joana Viegas / Leituria

A minha Lisboa, das bedeutet „mein Lissabon“. Und steht für Sichten auf die Stadt, die so intim sind, dass sie immer auch die Wahrnehmung derer schärfen, mit denen sie geteilt werden. Das ist die Idee hinter dieser Rubrik, die ein Herzstück von Lisboa-Soulcity ist. Und es ist genau das, was die aktuelle Ausstellung A minha Lisboa der Lissaboner Illustratorin Joana Viegas ausmacht, zu sehen noch bis 21. Januar, in der Leituria, Rua Dona Estefânia, 123 a, in der Nähe der Metrostation Saldanha, wo die rote und die gelbe Linie sich kreuzen. Geöffnet hat die Leituria täglich von 10 bis 20 Uhr, ausser am Sonntag.

Hier auf Lisboa-Soulcity geht die Künstlerin noch weiter: Sie führt uns nicht nur mit ihren Bildern, sondern live in den entspannten Stadtteil Campo de Ourique, in dem sie aufgewachsen ist.

Lissaboner Alltag – wie gemalt

In der Lissaboner Tram auf den Weg in den Campo de Ourique: Joana Viegas. Foto: Eva Maekler
Die Lissaboner Tram ist besonders, wenn sie in den Stadtteil Campo de Ourique führt, ein gutes Stück „Minha Lisboa“ für Joana Viegas. Foto: Eva Maekler

Schon unser gemeinsamer Einstieg – die berühmte Straßenbahn 28 – macht aus einem typischen Touristen-Must-do ein ganz normales Stück Lissaboner Alltag: Wir treffen uns im Chiado, von wo aus Joana zu Studentenzeiten fast jeden Tag den eléctrico 28 nach Hause genommen hat.

"Minha Lisboa", das wird zu einem ganz großen Teil für Joana Viegas immer Campo de Ourique sei. Warum, sieht man auf ihren Bildern. Copyright: Joana Viegas
Lissaboner Zuhause im Campo de Ourique: Joana Viegas‘ Bild „Chegada a casa“ zeigt, wie das für sie aussieht. Copyright: Joana Viegas

Je näher wir dem Campo de Ourique kommen, desto mehr wird spürbar, wie gerne Joana hierherkommt. „Hier leben die Leute wirklich und wohnen nicht nur hier. Die Straßen sind voller Leben, es gibt hier noch für alles kleine Geschäfte, nicht bloß Supermärkte. Dazu die vielen Plätze, kleinen Parkanlagen, Straßencafés …“ Joana bricht ab und zeigt einfach nur einmal um sich.  Falls es noch eines Ausrufezeichens bedurft hätte, würde spätestens die Wärme überzeugen, mit der sie hinterherschickt: „Ich bin von hier.“

Campo de Ourique:
Geschichte wird gemacht

Lisboa, Campo de Ourique, Rua Saraiva de Carvalho, 135: Ein haus mit Geschichte.
Eine typische Lissaboner Fassade- hinter der an der Geschichte mitgeschrieben wurde: Joana lenkt den Blick auf eine Gedenktafel. Sie erinnert daran, dass hier im Campo de Ourique am 4. Oktober 1910 die Explosion einer Granate das Ende der Monarchie eingeläutet habe – besiegelt am nächsten Tag mit der Ausrufung der ersten portugiesischen Republik. Foto: Eva Maekler

Der Blick für Details, mit denen sie auch oft ihren Bildern ihren eigenen Schwerpunkt gibt, zeigt sich gleich nach dem Aussteigen. Joana muss nicht weit gehen, um bei der Rua Saraiva de Carvalho, 135, den Blick nach oben zu lenken. Dort erinnert eine Gedenktafel daran, dass hier bereits in der Nacht des 4. Oktober 1910 die erste Granate einer Revolution explodiert sei: als Vorbote der Ausrufung der Republik am nächsten Tag. Die seit langem brodelnde Unmut mit den Zuständen in der bis dato herrschenden Monarchie mündete am 5. Oktober in der Bildung einer provisorischen republikanischen Regierung unter dem Intellektuellen und Schriftsteller Teófilo de Braga.

Lissaboner Kirchenarchitektur aus den 40er / 50er Jahren: Santo Condestável in Campo de Ourique. Foto: Eva Maekler
Auch Lisboas Campo de Ourique hat im Zentrum, gleich beim Mercado, eine Kirche stehen: Santo Condestável. Für Joana und ihre Freunde war die kleine Gartenanlage rundum allerdings interessanter. Foto: Eva Maekler

Sehr viel persönlichere Erinnerungen sind es, die uns wenige Schritte weiter zu einer sehr eigen anmutenden Kirche führen, der Igreja do Santo Condestável. Als Kind waren für Joana einfach die Parkanlagen ringsherum immer Spielplatz und Treffpunkt. Heute erzählt sie von einer von außen nicht zu vermutenden Verbindung zum berühmten Convento do Carmo, dessen Ruine zu den Wahrzeichen Lissabons gehört: Die Reliquien des Klostergründers, Nuno Álvares Pereira, liegen im hier im Campo de Ourique, im Schrein der 1951 eingeweihten Kirche.

Historisch oder modern? Hier kann Lisboa mal wieder beides gleichzeitig

Ein Stück Lissabon und ein Stück Heimat für Joana Viegas in ihrem Campo de Ourique: Der dortige Mercado, aus ihrer Hand. Copyright: Joana Viegas
Lissabons Mercado de Campo de Ourique: So sieht und malt ihn Joana Viegas. Copyright: Joana Viegas

Dass man sich hier im Zentrum des Stadtteils befindet, wird schon dadurch deutlich, dass nicht nur der modernistische Kirchenbau den Platz beherrscht, sondern gleich daneben auch die große Markthalle des bairro, der Mercado de Campo de Ourique. Joana erzählt, wie sie hier oft am Wochenende mit ihrem Vater einkaufen gegangen ist – da war die ganze Halle noch voller klassischer Marktstände. „Alles ist ganz anders jetzt hier“, raunt sie, als wir hineingehen. Denn was uns erwartet, ist zunächst einmal ein gastronomisches Großangebot vom schnellen Käsehappen über den Feierabendaperitif bis zum vollständigen Menü. Auf jeden Fall vom Feinsten, und oft auch mit kulturellem Programm.

Lissabons Markthalle in Campo de Ourique ist ein gelungenes Beispiel für Modernisierung und Bewahrung zugleich. Foto: Eva Maekler
Lissabons Markthallen erneuern sich: Der Mercado im Campo de Ourique ist nicht mehr derselbe wie in Joanas Kindertagen. Foto: Eva Maekler

Daneben, aus dem Zentrum gerückt, gibt es sie aber noch, die Stände mit ihren vielen Gerüchen und Farben, vom frischen Brot über Obst und Gemüse bis hin zu Blumen. Das Konzept der Erlebnis-Markthalle geht auf, hat nicht nur diese hier gründlich wiederbelebt und ist für immer mehr Hallen in Lissabon angedacht. Aber wie geht es Joana damit? Genießt sie das Flair wie die anderen Besucher oder hat sie eher saudades nach dem Markt ihrer Kindheit? „Eher saudades„, ist ihre erste Reaktion. Um sich nach den ersten Schritten nochmal umzusehen und zu lächeln: „Aber das hier gefällt mir auch!“

Lissaboner Institution: Wenn Joana Viegas in ihrem Campo de Ourique unterwegs ist, macht sie gerne beim "O melhor bolo do chocolate do mundo" Station. Foto: Eva Maekler
Auch in Lisboa zuhause: „O melhor bolo de chocolate do mundo“ – also ganz bescheiden der angeblich „beste Schokoladenkuchen der Welt“; ganz so weit würde sich Joana vielleicht nicht hinauslehnen – aber daran vorbeigehen kommt auch nicht in Frage. Wir hätten was verpasst! Foto: Eva Maekler

Trotzdem – für eine süße Pause hat Joana noch einen ganz anderen Tipp. Der liegt quasi ums Eck, in der Rua Tenente Ferreira Durão, 62a, und nennt sich O melhor bolo de chocolate do mundo, „bester Schokoladen-Kuchen der Welt“. Auf jeden Fall ist er so gut, dass Joana immer wieder Lust drauf hat, wenn sie hier vorbeikommt. Die Live-Probe hat ergeben: Joanas Lieblingsvariante ist tradicional doce, aus Schokolade mit 53 Prozent Kakao, während der deutsche Testgaumen die durchaus nicht „bittere“ Variante meio amargo mit 70 Prozent Kakao noch mehr schätzt. Am besten beide probieren …

Das Herz des Campo de Ourique:
Lieber Lustwandeln als marschieren

Im Lissaboner Campo de Ourique ist der Jardim da Parada, offiziell Jardim Téofilo de Braga, der entspannte Mittelpunkt des Stadtteils. Foto: Eva Maekler
Lissabons zentrale Plätze sind oft gleichzeitig kleine Parkanlagen. Mit dem Jardim da Parada, offiziell Jardim Téofilo de Braga, verbindet Joana schöne Kindheitserinnerungen. Seine entspannte Atmosphäre nimmt aber auch jeden neuen Besucher schnell für sich ein. Foto: Eva Maekler

Klein ist das Zuhause des O melhor bolo de chocolate do mundo, draußen scheint eine wunderbar warme Januar-Sonne, und der Campo de Ourique macht eigentlich immer Lust zum Umherstreifen, mit seiner freundlichen Gelassenheit. Das gilt besonders für den Jardim da Parada. Nicht nur Joana nennt ihn ganz selbstverständlich so, auch wenn er offiziell mal umbenannt worden ist zum Jardim Téofilo de Braga, nach dem ersten Präsidenten der 1910 ausgerufenen Republik. Der große Platz ist so zum Park umgestaltet worden, dass er sich glücklicherweise für Paraden nicht mehr eignen würde – dafür aber wunderbar zum Lustwandeln, rund um den schön angelegten Teich. Selbst die darin lebenden Enten sind besonders dekorativ. Joana erinnert sich sogar noch an Jagdszenen mit Pfauen, denen sie im frühen Kindergartenalter hier hinterherlaufen konnte.

Campo de Ourique, Lisboa: Eine Instititution im Stadtteil ist die Buchhandlung, deren Namen so kurz wie prägnant ist: Ler "Lesen"). Foto: Eva Maekler
Lissaboner Alltag im Campo de Ourique: Joana Viegas besucht noch immer gerne die Buchhandlung ihrer Kindheit, Ler. Foto: Eva Maekler

Besonders für alle, die ein bisschen Portugiesisch verstehen, hat Joana noch einen besonderen Tipp: Die Livraria Ler in der Rua Almeida e Sousa, 24c. Die Buchhandlung gibt es seit 1970, und für das Viertel ist sie zugleich kultureller Treffpunkt, stark im Campo de Ourique verankert und engagiert. Das spürt man selbst, wenn man den Laden zum ersten Mal betritt: Man ist herzlich willkommen. Egal, ob man ungestört stöbern oder sich mit Sachverstand und Engagement beraten lassen will. Die Bücher sind liebevoll ausgesucht und arrangiert. Es fällt leicht, sich vorzustellen, wie sich Joana hier schon als Baby so zuhause gefühlt hat, dass sie sich regelmäßig durch etliche Bücher wühlte, um ein wunderbares Chaos anzurichten, wie sie lachend erzählt.

Lissaboner Künstler, made in
Campo de Ourique

In Lissabon hat Fernando Pessoa an verschiedenen Orten gelebt - zuletzt im Campo de Ourique. Foto: Eva Maekler
Lissabons literarische Ikone Fernando Pessoa war auch im Campo de Ourique zuhause. In der Casa Fernando Pessoa kann man sein Zimmer und auch immer wieder Veranstaltungen besuchen. Foto: Eva Maekler

Als wir weiter durch die Straßen des Campo de Ourique spazieren, um uns langsam und mit kleinen Umwegen dem Jardim da Estrela zu nähern, empfiehlt Joana noch die Casa Fernando Pessoa in der Rua Coelho da Rocha, 16. Die letzten 15 Jahre seines Lebens, bis 1935, hat der Schriftsteller mit den vielen Pseudonymen, der auch auf Englisch geschrieben hat, hier gelebt. Man kann sein Zimmer besichtigen, und es gibt ein umfangreiches Kulturprogramm. Die Termine gibt es auf der auch auf Englisch angebotenen Website.

Lissabons Campo de Ourique, das Original: Kommt Ihnen diese Straße merkwürdig bekannt vor? Dann schauen Sie sich das Titelbild nochmal ganz genau an ... Foto: Eva Maekler
Lissabon, Campo de Ourique, das Original: Kommt Ihnen diese Straße merkwürdig bekannt vor? Schauen Sie sich das Titelbild nochmal ganz genau an … Foto: Eva Maekler

Die Rua Coelho da Rocha beherbergt aber nicht nur das kulturelle Erbe einer der wichtigsten Ikonen Lissabons aus dem 20. Jahrhundert, sondern für Joana auch ein „Stück Paris“. Nicht ganz so, wie man angesichts des ohnehin präsenten Savior vivre im Campo de Ourique erwartet: Eine kleine, versteckte Hinterhofsiedlung, die durchaus nicht glamourös wirkt. Doch hier haben etliche Künstler ihre Ateliers. Schauen Sie einmal durch den Torbogen bei der Nummer 69 … Kreativität macht sich in Lissabon immer Platz, dass zeigt auch dieser Insidertipp von Joana Viegas.

em

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Ein Kommentar zu “Das Lissabon von Joana Viegas”

  1. Hat dies auf Lisboa – Soulcity rebloggt und kommentierte:

    Wer die Ausstellung „A minha Lisboa“ in der Leituria verpasst hat, kann sie noch bis zum 16. März in „O das Joanas Café“ sehen, zu erreichen mit der grünen Metro-Linie. Die Adresse, Largo do Intendente, 28, ist auch ein wunderbarer Ausgangspunkt für einen anschließenden Spaziergang durch die Mouraria!

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