Mouraria im Bild und live: Tiago Feio kennt die Bewohner des Lissaboner Stadtteils auf den Bildern zum großen Teil persönlich. Foto: Eva Mäkler

Das Lissabon von Tiago Feio, Restaurant Leopold: Mouraria

In Lissabons Mouraria lädt Tiago Feio in sein Restaurant "Leopold". Foto: Eva Maekler
„Leopold“ in der Mouraria: Das Plakat im Hintergrund gibt einen Tip, woher Tiago Feio den Namen für sein Restaurant hat. Foto: Eva Maekler

Es klingt nach einem Stück Österreich mitten in Lissabons Mouraria – und ist es so gar nicht: Das Restaurant Leopold. Namensgeber war zwar ein Plakat des Leopold-Museums in Wien, benannt nach dem Sammler Rudolf Leopold – aber das ist einfach ein Stück Privatheit in diesem ganz persönlichen Restaurant-Projekt von Tiago Feio und seiner Frau Ana, in der Rua de São Cristóvão, 27. Das Plakat hing bei ihnen zu Hause, ein Lieblingssouvenir Anas. Österreichische Anklänge sollte man deshalb nicht erwarten in Tiagos Essen. Stattdessen portugiesische Avantgarde: Tiago kocht ohne Ofen und Herd. Sondern mit Vakuum und Dampf. Das ist nicht nur in dem Traditionsstadtteil Mouraria neu. Trotzdem  ist er einer, der hier bestens reinpasst. Davon musste er nur erst seine Nachbarn hier überzeugen. Es ist ihm gelungen. Bei einem Spaziergang mit Lisboa-Soulcity durch seine Mouraria, die Mouraria der neuen Generation, wie er sagt, wird schnell klar, wie: Mit viel Liebe.

Zuhause in der Mouraria

Typisch Mouraria: Maria von der "Leitaria Moderna" wird von ihren Gästen geliebt - und hat auch ihr eigenes Bild an der Mauer. Foto: Eva Maekler
Mouraria at it’s best: Spontaner „Liebesbeweis“ eines Stammgasts von Marias „Leitaria Moderna“ im Regen. Hier trinkt Tiago gerne erstmal einen Kaffee, bevor er in sein Restaurant geht. Im Himtergrund zu sehen: Sie hat ihr eigenes Bild an der Mauer, entstanden im Rahmen des Fotoprojekts von Camilla Watson. Foto: Eva Maekler

Bevor er seinen Arbeitstag, der im allgemeinen bis in die Nacht dauert, beginnt, trinkt Tiago gerne erstmal einen Café nebenan, in Marias Leitaria Moderna. Den Namen sollte man nicht zu ernst nehmen. Weder den ersten Teil – Leite, Milch, bevorzugen wohl die wenigsten ihrer Gäste – noch den zweiten. Denn bei Maria ist das meiste eher, na ja, modern geblieben. „Die haben mir hier schon ziemlich skeptisch angeschaut“, grinst Tiago. Davon ist jetzt nichts mehr zu spüren, wenn man mit ihm auf einen Café vorbeischaut. Stattdessen nachbarschaftlich-familiäres Geplauder.

Mourarias echtes Leben: Tiago Feio bewegt sich täglich zwischen den Menschen, die auf den Bildern Camilla Watsons zu sehen sind. Foto: Eva Mäkler
Die Mouraria in Farbe: Tiago Feio kennt viele Bewohner der Mouraria persönlich – und nicht nur von den Fotos Camilla Watsons. Foto: Eva Maekler

Wieder auf der Straße, fällt beim Blick zurück das Schwarzweiß-Bild an der Mauer auf: Maria. Fotografiert von Camilla Watson, ist Maria somit seit 2010 Teil eines Kunst-Projekts und einer dauerhaften Open-Air-Ausstellung, Inside Out / Dento Fora – wie viele ihrer Nachbarn. Die ehemals eher verruchte Mouraria zeigt dank Camillas Bildern ihr wahres Gesicht. An den Wänden der Häuser, in denen ihre Menschen tatsächlich leben. Was dank Airbnb und immer mehr professioneller Ferienwohnungsvermieter immer weniger sind. Ist Tiago mit seinem Restaurant Leopold nicht Teil dieser Gentrifizierung?

Avantgarde und Tradition

Mitten in Lissabons Mouraria: Tiago Feio in seinem Restaurant Leopold. Foto: Eva Maekler
Die Mouraria kann auch nouvelle cuisine: Tiago Feio und sein Restaurant Leopold. Foto: Eva Maekler

Es stimmt, im Sommer schätzt er den Anteil an Lisboetas unter seinen Gästen auf 20 Prozent. Das liegt aber eher daran, dass er nur vier Tische und zwölf Plätze hat, und daher seine Gäste reservieren müssen, um bei ihm essen zu können. Im Winter schätzt er das Gäste-Verhältnis eher umgekehrt ein – und im allgemeinen reichen auch schon wenige Tage Vorlauf.

Die Mouraria spiegelt sich in der Scheibe der ehemaligen Padaria, in der heute das Leopold von Tiago Feio zuhause ist. Foto: Eva Maekler
Die traditionelle Mouraria spiegelt sich noch in den Scheiben der ehemaligen Padaria – doch sie ist längst auch Avantgarde. Da passt das Restaurant Leopold von Tiago Feio ins Konzept. Foto: Eva Maekler

Auch der Preis für ein Menü – 35 Euro plus Getränke – kann von Menschen mit nicht-portugiesischen Gehältern sehr viel leichter bezahlt werden als von Lissabonern mit Stundenlöhnen von oft weniger als fünf Euro. Dennoch: Wer sich etwas Besonderes von dieser Qualität leisten will, tut es auch mit hiesigem Gehalt, meint Tiago – eben seltener.

Die „neue“ Mouraria –
Traum oder Alptraum?

Mourarias gemütliches und gleichzeitig interkulturelles Herzstück: Tiago Feio auf dem Largo dos Trigueiros, mitten in Lissabon. Foto: Eva Maekler
Largo dos Trigueiros, Mouraria: Nicht nur Tiago Feio mag dieses im besten Sinne typische Stück Lissabon, ursprünglich und interkulturell zugleich. Foto: Eva Maekler

Dass die Mouraria im Umbruch ist, findet Tiago grundsätzlich gut und notwendig. Mit einem großen Aber: „Es gibt den Wandel zum Besseren – und den Wandel zum Schlechteren. Ich hoffe, dass in der Mouraria ersteres eintritt.“ Worauf er anspielt, zeigt er auch gleich. Der Largo dos Trigueiros hat sich als Treffpunkt in den letzten Jahren mit viel kulturellem Leben ganz neu etabliert. Tiago weist auf das Atelier von Camilla Watson, erzählt von nächtlichen Konzerten. „Ist die Mouraria dabei, sich zu verändern? Ja.  Aber das Leben ist Veränderung. Den Stillstand, die ‚alte‘ Mouraria mit Kindern, die von ihren Eltern lernen, zu trinken, kann keiner wollen. Ich habe nichts gegen eine kosmopolitischere Mouraria.“

Lissabon, Rua das Farinhas: Seit 2015 gehört das Bild von Fatinha Garcia, einer jungen Fado-Sängerin aus der Mouraria, zur Straßenausstellung "Retratos do Fado" dazu. Foto: Eva Mäkler
Mouraria, die neue Generation: Seit 2013 gibt es quasi eine Fortsetzung von Camillas Fotoprojekt: „Retratos do Fado“, Fado-Porträts. 2015 kam zum Beispiel das Bild von Fatinha Garcia hinzu, einer jungen Fado-Sängerin, die hier lebt. Foto: Eva Mäkler

Damit entwickelt sie auch ihre eigenen Traditionen weiter, gibt zum Beispiel Raum für neue Fadistas wie Fatinha Garcia, die schon quasi vor der Haustür von Tiagos Restaurant gesungen hat. Gibt Raum auch ganz konkret: Fatinha lebt hier. Ein Glücksfall. Fast alles, was derzeit an Wohnraum saniert wird in der Mouraria, wird hinterher nur Touristen zur Verfügung stehen. Mit klangvollen Namen wie Dreaming Lisbon. Eher ein Alptraum für alle, die in dieser Stadt ihr Leben verbringen und täglich zur Arbeit gehen. An sie mag kaum noch jemand vermieten, bei Durchschnittsgehältern, kaum höher als das, was Touristen für eine Woche zahlen.

Lisboa:
„Kosmopolitisch“ versus „Massentauglich“

Lissabon, Mouraria, Escadinhas de São Cristóvão: Ein Wandbild bringt heutige Bewohner der Mouraria zusammen mit Berühmtheiten der Vergangenheit. Foto: Eva Mäkler
Lissabon, Escadinhas de São Cristóvão: Auf diesem Wandbild in der Mouraria leben alle zusammen, historische und gegenwärtige Persönlichkeiten des Viertels. Die Escadinhas de São Cristóvão führen von der Rua de Madalena hoch zur Straße von Tiagos Restaurant Leopold, der Rua de São Cristóvão. Foto: Eva Mäkler

Das ist er, der Wandel zum Schlechten, vor dem Tiago warnt. Während er noch eine Woche brauchte, herauszufinden, wem die Räume der früheren Bäckerei eigentlich gehörten – seine Vermieterin hatte diesen Teil ihres Eigentums schon vergessen – sieht er heute ein renoviertes Wohnhaus nach dem anderen, in dem wöchentlich neue Stadtbesucher ein- und ausziehen, fühlt einen großen „touristischen Druck“ auf der Mouraria, wie in Lissabon allgemein. „Sehr bald“ sieht er die positive Dynamisierung durch das internationalere Flair auch in der Mouraria dem um sich greifendenden Ungleichgewicht weichen, das in großen Teilen Lissabons bereits zu spüren ist: Eine Stadt, die den Touristen alles bietet, nur kaum noch echtes Leben in den Straßen, in denen sie „wie Einheimische“ zu wohnen meinen – weil sie selbst den Lisboetas ungewollt den Raum in deren eigener Stadt nehmen.

Lissabons Mouraria beherbergt den Ableger der Portuenser Galerie Ó!. Foto: Eva Maekler
Die „neue“ Mouraria: Einst Minimercado, und nach Leerstand jetzt eine Pop-up-Galerie: „Ó!“ Foto: Eva Maekler

„Bloße Geldmacherei“ nennt Tiago die auf Massentourismus eingestellten Geschäfte, Restaurants und Vermietungen beim Namen. Er hält mit Qualitätsanspruch, Engagement und Vernetzung dagegen. So hat er seinen nur wenige Schritte entfernten Nachbarn von der Galerie Ó! im vergangenen Jahr geholfen, in den leerstehenden Räumen eines kleinen Lebensmittelladens zunächst für drei Monate als Pop-up Store unterzukommen. Mittlerweile ist der Ableger ihrer in Porto bereits etablierten Galerie Ó! schon in der Verlängerung – und wenn alles gut läuft, bleibt die Lissaboner Dependance hier in der Mouraria. Rafaela und Alexandre, zwei junge Gesichter der Galerie, lieben ihre Räume und das nachbarschaftliche Miteinander, schätzen die Kreativität und die Offenheit, auf die sie hier gestoßen sind.

Die Mouraria hat
Multikulturalität in den Genen

In die Mouraria "eingewandert": Chlóe Pais Daquet ist halb Portugiesin, halb Französin. Foto: Eva Maekler
In der Mouraria siedelt sich auch traditionelles Handwerk neu an: Chlóe Pais Daquet im Eingang ihres Ateliers. Foto: Eva Maekler

Vielleicht ist es genau das, was die besondere Energie der alten, neuen Mouraria ausmacht: Sie übersetzt gerade das beste aus ihrer eigenen Tradition ins Heute. Multi-Kulturalität liegt ihr schließlich in den Genen – ebenso wie eine starke  eigene Identität innerhalb der Stadt. Wenn man mit Tiago hier durch die Straßen läuft, kann er alle paar Meter auf kreative Beispiele für neues Leben hinter alten Mauern deuten. In der Rua de São Mamede etwa steht eine schwere braune Metalltür fast immer offen und lässt den Blick frei auf ein kreatives Chaos. Der Verweis auf das Atelier an der Tür macht neugierig. Hier verwirklicht Chlóe Pais Daquet eigene und Auftragsentwürfe aus Holz und restauriert alte Möbel. Zum Beispiel die Stühle im Leopold.

In Lissabons Mouraria gelegen: Die Kirche São Cristóvão. Foto: Eva Maekler
Mourarias verletzliche Pracht: Das Innere der Kirche São Cristóvão. Foto: Eva Maekler

Die Idee, die Mouraria mit Kunst und Kreativität aus der Sackgasse zu holen, ist mittlerweile schon fast so etwas wie eine junge Tradition – angefangen mit Initiativen der Stadt, die schon vor Jahren damit Kriminalität vertrieben hat (Lisboa-Soulcity hat darüber hier geschrieben). Mittlerweile eine selbstverständliche Kultur dieses Stadtteils, bedient sich ihrer auch die Kirche. São Cristóvão, die Namensgeberin der Straße von Tiagos Leopold, ist nationales Kulturerbe und beherbergt 35 Bilder von Bento Coelho. Doch ein marodes Dach und mangelhafte Elektroinstallationen bedrohen dieses Erbe. Daher hat die Kirche zusammen mit anderen Organisationen der Mouraria einen ganzen Zyklus von Veranstaltungen organisiert, mit Ausstellungen, Performances, Diskussionen, Filmen etc. Das aktuelle Programm kann man unter arteporsaocristovao.org finden. Außerdem kann man Ziegel kaufen und persönliche Botschaften darauf verewigen, bevor das Dach der Kirche mit ihnen gedeckt wird. „Ich bin kein Kirchenmensch, aber diese Kirche und ihre Initiativen finde ich toll“, sagt Tiago und bleibt trotz Regens stehen vor São Cristovão, um davon zu erzählen.

Lisboa und andere Städte: Das Centro Mario Dionisio in der ebenfalls in der Mouraria gelegenen Casa da Achada bietet aktuell viele Veranstaltungen zu diesem Thema. Foto: Eva Maekler
Lisboa im Fokus: In der Mouraria beschäftigen sich viele mit der Identität ihrer Stadt – und dem Konzept „Stadt“ an sich. Zurzeit besonders das Centro Mario Dionisio in Rua da Achada. Foto: Eva Maekler

Das ist sie, seine Mouraria. Sie wird Tiago Feio fehlen, wenn er bald umziehen wird mit seinem Restaurant Leopold, in das Nachbar-Viertel Castelo. Aber dort kann er ein paar Menschen mehr bewirten – wiederum nur an vier Tischen, doch einer davon wird zehn Plätze haben. Er hat schon ein wenig Bedenken, da er sich dort auf einer touristischen Laufmeile befinden wird. Aber Tiago wäre nicht Tiago, hätte er nicht längst angefangen, sich dort mit anderen zusammen zu tun, die wie er unterscheiden zwischen kosmopolitischer und massentouristischer Identität. Und die wissen, was davon sie sich wünschen für Lissabon.

em

Das Restaurant Leopold von Tiago Feio und seiner Frau Ana ist noch bis Ende Mai in der Mouraria zu finden, in der Rua de São Cristóvão, 27. Danach zieht es um ins Nachbarviertel Castelo – Lisboa-Soulcity wird über Genaueres berichten, wenn die dortige Eröffnung ansteht.
Reservieren kann man unter den Telefonnummern +351218861697 und +351966363770, auch auf Englisch.

 

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