Lissabon, gesehen von der anderen Seite des Tejo: Marta Miranda von QqueStrada teilt ihren Blick auf die Stadt mit Lisboa-Soulcity. Foto: Eva Maekler

Das Lissabon von Marta Miranda, OqueStrada: Lisboas andere Seite

Almada / Cacilhas: Lissabons Sprung über den Tejo. Marta von OqueStrada zeigt Lisboa-Soulcity, was es hier zu entdecken gibt. Foto: Eva Maekler
Almada / Cacilhas: Lissabons Südseite des Tejo is eigentlich gar nicht mehr Lisboa – und gehört doch dazu, sagt Marta von OqueStrada. Foto: Eva Maekler

 Atlantic Beat, das ist der Name der aktuellen CD von OqueStrada, der Band von Marta Miranda. Atlantic Beat – Mad‘ in Portugal, das klingt nach mehr Weite und weniger Stadt als Tasca Beat – o sonho português, dem ersten Album der Band. Lisboa-Soulcity hat Marta gebeten, auch unseren Blick zu weiten, über den Tejo hinweg, die eigentliche Stadtgrenze. Seit 20 Jahren ist Marta in Almada zuhause, der Stadt, die diejenigen erwartet, die sich am Cais do Sodré auf die Fähre begeben. Ein Privileg, wenn am kleinen roten Quiosque an der Anlegestelle Cacilhas, benannt nach dem Stadtteil Almadas, eine Gastgeberin wie Marta wartet. Sie zeigt uns nicht nur eine, sondern viele andere Seiten. Von Grande Lisboa – und von sich.

Am anderen Ufer des Tejo

Lissabons Brücke des 25. April, vom Tejo aus gesehen, während der Fahrt mit dem Cacilheiro über den Tejo, nach Cacilhas. Foto: Eva Maekler
Lissaboner Ansicht – im Wandel: Die Brücke des 25. April, gesehen während der Fahrt mit dem Cacilheiro über den Tejo, nach Cacilhas. Foto: Eva Maekler

„Lass uns am roten Quiosque treffen, gleich bei der Anlege-Stelle.“ Martas Einladung nach Almada beginnt mit einer Bootsfahrt über den Tejo – Alltag für viele Pendler. Trotzdem lehnen sich viele von ihnen immer noch gerne aus dem Fenster, auf dieser kurzen Fahrt von gut 10 Minuten. Wie Touristen. Die Veränderung des Blickwinkels mit jedem Meter ist einfach immer wieder spannend. Und es fällt leichter, sich einzustellen auf das, was einen am anderen Ufer erwarten mag. Und damit ist diesmal ausnahmsweise alles andere als die prominenteste Touristenattraktion Almadas, die Cristo-Rei-Statue, gemeint.

Grande Lisboa, Anlegestelle Cacilhas: Marco lässt Marta auch gerne in seinen Quiosque. Foto: Eva Maekler
Grande Lisboa, Anlegestelle Cacilhas: Den ersten Café gibts am Quiosque von Marco. Für Marta gerne auch im Quiosque. Foto: Eva Maekler

Der beschriebene Quiosque, sein Betreiber Marco hat ihn mit einem Wortspiel Dá Cá Cilhas genannt (etwa: „Gib die Sattelgurte her“ – früher wurde hier mit Eseln gearbeitet …), macht die Ankunft in Cacilhas zu einem Willkommensgruß. Marco lässt seine Gäste sich zuhause fühlen, gibt Infos zu Almada, leiht Räder aus. Bei einer Tasse Café hat man Zeit, anzukommen und sich umzuschauen. Der erste Eindruck: Auch, wenn es hier ähnlich lebhaft zugeht wie vor Lissabons Bahnhof Santa Apolónia, wirkt alles irgendwie familiärer.

Der Lissaboner Tagesausflug mach Almada beginnt idealerweise mit einem Besuch beim Quiosque Dá Cá Cilhas. Foto: Eva Maekler
Almadas Eingangstor, die Anlegestelle Cacilhas: Der Quiosque Dá Cá Cilhas ist der perfekte Startpunkt für einen Tag in Almada. Im Hintergrund zu sehen: Der rote Leuchtturm. Foto: Eva Maekler

Bevor Marta sich hinsetzen kann, muss sie erst einmal viele Beijinhos, Küsschen, Umarmungen und Olás verteilen. Sie ist hier nicht nur in ihrem Element, sie ist hier wirklich zuhause, und das merkt man. „Ja, zwanzig Jahre“, sagt sie und lacht. Mit Marco hat sie schon zusammen Theater gespielt. Zu fast jedem, mit dem Marta während unseres Treffens ein paar Worte wechselt, weiß sie eine Geschichte zu erzählen. Wie zu jedem Ort, an den sie uns führt. Etwa der Ginjal Terrace am Cais do Ginjal, 7. „Das ist ein Lieblingsort von mir. Jahrelang gab es hier nur Tanz-Matineen, im zweiten Stock. Jetzt hat ein Kulturverein das ehemalige Restaurant im ersten Stock wieder hergerichtet – und wie!“

Lissabon und Almada:
Von Angesicht zu Angesicht

Grande Lisboa, auf der anderen Seite des Tejo: Marta von OqueStrada vor einem ihrer Lieblingsorte in Almada, der Ginjal Terrace. Foto: Eva Maekler
Grande Lisboa, Almada, Cais do Ginjal: Marta im Eingang der Ginjal Terrace. Foto: Eva Maekler

Marta hat nicht zuviel versprochen. Schon der Eingang ist ein Kunstwerk – aus Muscheln. In ersten Stock erwartet uns ein Saal voller Licht und Weite, mit Lissabon am Horizont und einer liebevollen Dekoration, die mit Originalteilen des früheren Restaurants an dieser Stelle, Floresta do Ginjal, spielt – eröffnet in den 30ern des vergangenen Jahrhunderts. Im heutigen Angebot steht Kultur ganz oben – von Foto-Workshops bis Konzerten.

Lissabon als Kulissenbild: Marta in der Ginjal Terrace. Foto: Eva Maekler
Lissabon ist hier nur die Kulisse: Martas Tipp, die Ginjal Terrace, bietet nicht nur einen unglaublichen Ausblick, sondern pflegt ihre eigene Geschichte ebenso wie neue Impulse für das kulturelle Leben in Almada. Foto: Eva Maekler

Haupt-Attraktion an den Tagen ohne Event: Den Blick über den Tejo genießen und die Gedanken schweifen lassen, alleine oder als Inspiration für spannende Gespräche. „Hier habe ich die richtige Distanz zu Lisboa. Ich liebe es, von hier aus auf die Stadt zu blicken“, sinniert Marta. Und erzählt von dem Kontrast zwischen der im Vergleich fast dörflichen Struktur Almadas und der Lissabons. „Man sieht hier die Stadt von außen, und dadurch erkennt man manches, was man nicht sieht, wenn man mittendrin ist.“  Wohl auch deshalb betont sie, dass die Südseite des Tejo dazu gehört zu Lissabon: „Wir müssen begreifen, dass der Fluss uns verbindet und nicht trennt. Dann ist Lisboa wirklich grande [groß / großartig]“, fügt sie hinzu – und spielt auf Grande Lisboa an, womit im allgemeinen der Großraum Lissabon gemeint ist.

Grande Lisboa, Almada / Cacilhas, Cais do Ginjal: Marta von OqueStrada und ein Stück Streetart . Foto: Eva Maekler
Almada / Cacilhas: Von Lissabon aus sieht man die alte Industrie-Frontseite, den Cais do Ginjal. Hier reihen sich die Aussichts-Restaurants, doch für Marta gehören auch die rauheren Seiten der Kunst dazu. Foto: Eva Maekler

Beim Spaziergang am Cais do Ginjal, immer in Richtung der nach dem Tag der Nelken-Revolution benannten Brücke Ponte 25 de Abril, enfaltet der Grad des Verfalls der ehemaligen Industrie-Gebäude einen ganz eigenen, zwiespältigen Charme – besonders durch den Kontrast zu diesem heißen Hochsommertag mit Spaziergängern in FlipFlop-Laune. Marta erzählt von der Eisfabrik, die hier zuhause war, von bis heute nicht realisierten Plänen zur kulturellen Neubelebung dieser Gegend, zu denen auch Marta und Jean-Marc Pablo (Freund und Kontrabassist bei OqueStrada), Vorschläge gemacht haben – und vom OqueStrada-Video im Fotoclip-Stil, das auch hier gedreht wurde.

Almadas Stimme: OqueStrada und mehr

Almadas Cine Incrível in der Rua Capitão Leitão,1. Foto: Eva Maekler
Almadas Cine Incrível, Rua Capitão Leitão,1: Immer noch ein Ort für Kultur in Lissabons Gegenüber. Es waren Marta und ihre Mitstreiter, die das neue Leben des ehemaligen Kinos begründet – und sieben Jahre lang betrieben haben. Foto: Eva Maekler

Für Marta und Jean-Marc ist Almada auch ein Ort für Kunst. Teilweise haben sie geradezu Pionierarbeit geleistet – etwa 2004 mit dem Herrichten eines alten Kinos, in dem sie damals mit dem von ihnen gegründeten Kulturverein den Incrivel Club – A arte de bem-receber etabliert haben. Bis hin zu den Möbeln haben sie damals selbst Hand angelegt – und sieben Jahre lang ein Kulturangebot auf die Beine gestellt, dass damals selbst die Lissaboner regelmäßig über den Tejo gelockt hat ob seiner avantgardistischen Qualität.

Cacilhas' Leuchtturm. Foto: Eva Maekler
Cacilhas hat seinen eigenen Leuchtturm, und seine Geschichte ist eine besondere. Foto: Eva Maekler

Der Protagonist eines anderen Almada-Kunst-Projekts von Marta steht an sehr prominenter Stelle und ist auch von der anderen Seite aus zu sehen: Der Farol, der Leuchtturm von Cacilhas. Seit 1886 hat er den kleinen Hafen von Alamada bewacht, damals noch in grün und etwa an der Stelle, wo heute die cacilheiros, die Fähren, anlegen. Nach Änderungen der Hafen-Anlagen war sein eigentlicher Job in Cacilhas getan, und er wurde „verschleppt“ – auf die Azoren, nach Terceira, wo er fortan seine Dienste geleistet hat.

Cacilhas' Leuchtturm: Ein Ort mit Geschichte und für Geschichten. Das sieht offensichtlich nicht nur Marta Miranda von OqueStrada so. Foto: Eva Maekler
Cacilhas‘ Leuchtturm: Marta ist nicht die einzige, die sich gerne in seinem Schutz mit einem guten Buch hinsetzt. Foto: Eva Maekler

Von vielen hier wurde er schmerzlich vermisst, une einige haben nie aufgehört, um ihn zu kämpfen. Eine Story mit Happy End: Ein paar Jahre, nachdem er auch auf Terceira in den Ruhestand geschickt worden war, kam er endlich nach Cacilhas zurück. An seinem 125. Geburtstag feierte Almada nachträglich auch seine Rückkehr, OqueStrada hat mit einer Mini-Phiharmonie auf den Fähren gespielt, die Musik eines „Piratensenders“ im Leuchtturm geliefert und als Sentinela do Tejo, Wächter des Tejo, dem farol eine Stimme gegeben.

Grande Lisboa, Almada, Cacilhas: Der Anfang der Rua Cândido dos Reis. Foto: Eva Maekler
Cacilhas, Rua Cândido dos Reis: Diese Straße führt in das Herz Almadas. Foto: Eva Maekler

Vom Leuchtturm aus bieten sich zwei Routen an, Almada zu erkunden: Der Cais do Ginjal führt am Tejo entlang Richtung Brücke des 25. April, während die Rua Cândido dos Reis in Herz Almadas führt, mit Geschäften, Cafés, Restaurants, Galerien etc.

Almada, der Tejo und der Wind

Shoppen im Lissaboner Off: Marta Miranda von OqueStrada ist mal wieder bei der Retro Queen in Almada fündig geworden. Foto: Eva Maekler
Almada, Cacilhas, Rua Cândido dos Reis: Marta präsentiert die Beute nach einem Besuch der Retro Queen. Foto: Eva Maekler

Se esta rua fosse a minha … singen OqueStrada auf Tasca Beat – o sonho português: Wenn diese Straße mir gehörte … Welche Straße wäre das? „In Almada die Rua Cândido dos Reis. In Lissabon selbst die Rua Garrett“, das Zentrum des Chiado und berühmt für seine Tradition als Treffpunkt der Intellektuellen, besonders im 20. Jahrhundert. Während wir die Rua Cândido dos Reis hinauf bummeln, macht Marta einen schnellen Abstecher in die Retro Queen – und posiert gerne mit ihrem Fang: Einem Kleid, das pure Sommerlaune verbreitet. „Ich kaufe gerne Second-Hand-Mode – und die Qualität ist oft besser.“

Almada, Restaurant Fonte da Pipa in der Rua Capitão Leitão: Marta Miranda im fotografischen Selbstportrait, aufgenommen während des Gesprächs mit Lisboa-Soulcity. Foto: Marta Miranda
In Almadas Restaurant Fonte da Pipa mit seinen vollgeschriebenen Wandkacheln fühlt sich Marta Miranda zuhause. Dieses Selfie hat sie während des Gesprächs mit Lisboa-Soulcity aufgenommen. Foto: Marta Miranda

Viel bummeln, viel sehen, viel reden und ein bisschen einkaufen macht irgendwann hungrig – so landen wir am Abend in einem Stamm-Restaurant Martas, der Fonte da Pipa, Rua Capitão Leitão, 3a. Es gibt herzhaftes portugiesisches Essen, teilweise auch in vegetarischer Variante – und das überraschend gut. Gar nicht so einfach in Portugal, klassische Restaurants zu finden, die gut mit Tofu und Co. umgehen können. Hier funktioniert’s, und das zu günstigen Preisen. Zu zweit muss man nicht mehr als 20 bis 30 Euro einplanen.  Außerdem gibt es Raucherplätze.

Grande Lisboa, Almada, Cacilhas: Marta Miranda von OqueStrada im Sonnenuntergang am Cais do Ginjal, mit der Brücke des 25. April im Hintergrund. Foto: Eva Maekler
Sonnenuntergang bei Lissabons Gegenüber: Marta am Cais do Ginjal in Almada, mit der Brücke des 25. April. Foto: Eva Maekler

Bei einem letzten Blick über den Tejo, vom Miradouro, dem Aussichts-Punkt des Boca do Vento, blicken wir auf die Brücke des 25. April und das nächtliche Lissabon. Frente a frente nennt Marta diesen Blick, von Angesicht zu Angesicht – und beschreibt damit auch die Beziehung, der beiden Seiten des Tejo. „Wir sind der Eingang zum Süden“, beschreibt sie das Gefühl, den Fluss Richtung Almada zu überqueren.

Grande Lisboa, Boca do Vento: Marta Miranda von OqueStrada vor der Kulisse aus Tejo, Almada und Lisboa. Foto: Eva Maekler
Grande Lisboa, Almada, Boca do Vento: Es ist spät geworden, und die Batterie der Kamera hat sich für heute verabschiedet. Wie gut, dass Martas Handy eine lichtstarke Kamera hat … Foto: Eva Maekler

Zum Miradouro da Boca do Vento führt ein Aufzug mit Panorama-Blick. Für einen Euro pro Person kann man rauf- und wieder runterfahren, täglich vom acht Uhr morgens bis Mitternacht. Kinder unter acht Jahren kommen kostenlos mit. Die Anspielung auf dem Wind im Namen des Aussichtspunkts kommt nicht von ungefähr – doch das gilt für die Südseite des Tejo allgemein, sagt Marta: „Auf dieser Seite haben wir mehr Wind.“ Zumindest in dieser lauen Sommernacht ist es einer, der gut tut, den Kopf freipustet für klare Gedanken. „Wir sind viel mehr atlantisch als mediterran“, beschreibt Marta das Gefühl. Und findet ein Bild dafür: „Wir sind der Balkon Europas – und dessen Fenster zur Welt.“ So fühlt er sich an, der Atlantic Beat.

em

 

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7 Kommentare zu „Das Lissabon von Marta Miranda, OqueStrada: Lisboas andere Seite“

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