Das Lissabon von Jonas Rothlaender: Fado, filmreif!

Lissabon, Fado-Schauplatz: Im Film von Jonas Rothlaender gilt das für ein junges deutsches Paar auch auf der ganz persönlichen Ebene. Copyright: StickUp Filmproduktion
Fado in Lissabon: Im Film von Jonas Rothlaender wird die Stadt am Tejo zur Schicksalsstadt für den jungen Arzt Fabian und seine große Liebe Doro. Copyright: StickUp Filmproduktion

Lissabon nicht nur als Schauplatz, sondern quasi als Gegen-Spieler für eine der Hauptfiguren: Diese Rolle hat Jonas Rothlaender der Stadt am Tejo zugedacht, in seinen Film Fado. Das Konzept ist aufgegangen: Die Intensität und Leidenschaft, die in Lisboa nicht nur in der Musik spürbar sind, lassen die Bilder teilweise schmerzen. Und fesseln dabei. In der Geschichte reist der junge Arzt Fabian seiner großen Liebe Doro hinterher, die als Architektin in Lissabon eine Arbeit gefunden hat. Hier gewinnt ihre Liebe zunächst wieder an Leben – doch auch Fabians großer Dämon Eifersucht. Wie Lissabon zu seiner Hauptrolle in Jonas‘ Film kam – und wie er die Stadt auch außerhalb des Films erlebt, erzählt Jonas Rothlaender hier, auf Lisboa-Soulcity.

Lisboas Geheimnis? „Etwas Metaphysisches, das man nicht greifen kann“

Lissabons Metro-Station Baixa-Chiado mit ihren scheinbar endlosen Rolltreppen - fotografiert von Sebastian Bleyl, Co-Autor des Drehbuchs zu "Fado". Copyright: Sebastian Bleyl
Lisboas Metro-Station Baixa-Chiado: Die scheinbar endlosen Rolltreppen hier sind eine der ersten Lissabon-Erinnerungen von Jonas Rothlaender, Hier hat sie Sebastian Bleyl, Co-Autor des Drehbuchs zu „Fado“, fotografiert. Copyright: Sebastian Bleyl

Lisboa – Soulcity: Jonas, erinnerst du dich noch an deine ersten Eindrücke von Lissabon?

Jonas Rothlaender:
Das muss irgendwann im Sommer 1999 gewesen sein, glaube ich. Ich war nur einen Tag da, aber ich erinnere mich noch an viele Orte. Ich fand damals schon die Brücke sehr beeindruckend, über die wir mit dem Auto gefahren sind. Ich erinnere mich auch noch an die endlosen Rolltreppen an der Metro-Station Baixa-Chiado. An diese gelöste, sonnige und angenehme Atmosphäre in der Stadt. So eine Leichtigkeit. Und im Gegensatz zu heute wirkte die Stadt
so angenehm untouristisch. Wie eine echte Entdeckung. Ein Geheimnis.

LS: Kannst Du beschreiben, was es ist, das Dich immer wieder hierherkommen laesst?

Lissabon zu Fuessen: Blick vom Elevador de Santa Justa. Foto: Eva Maekler
Lissabons Anziehungskraft „liegt in der Luft, im Licht“, sagt Fado-Regisseur Jonas Rothlaender. Foto: Eva Maekler

JR: Warum ich immer wiedergekommen bin, ist etwas einzigartiges in der Atmosphäre dieser Stadt. Etwas, das ich als metaphysisch beschreiben würde. Etwas, das man nicht greifen kann. Und das macht den großen Reiz aus. Es liegt in der Luft, im Licht. Dieses Gefühl von Vergänglichkeit. Eine Spur von Melancholie. Gleichzeitig das Gefühl von Aufbruch, wenn du auf den Atlantik hinausschaust. Der Horizont sieht anders aus. Er zieht dich magisch an. Ich kann schon verstehen, warum die Portugiesen eine Seefahrernation waren. Der Horizont wirkt wirklich weiter, verlockender.

LS: Mittlerweile nimmst Du Lisboa anders war als früher?

Lissabons modernes Gesicht. Foto: Eva Maekler
Lisboa – kaum wiederzuerkennen: Der Immobilienmarkt-Hype veraendert das Gesicht der Stadt gerade fast von Tag zu Tag. Foto: Eva Maekler

JR: Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich in Zukunft noch so häufig nach Lissabon kommen werde. Wenn, dann vor allem wegen der Menschen. Aber die Stadt hat sich schon extrem verändert. In den fünf Jahren, die zu den Dreharbeiten des Films führten, war ich mehrmals pro Jahr in Lissabon. Und ich habe beim Gefühl der Veränderung wirklich zusehen zu können. In den letzten zwei Jahren hat es nochmal einen riesigen Sprung gemacht. Es wird immer touristischer, und ich habe das Gefühl, das Stück für Stück das verschwindet, was Lissabon so einzigartig gemacht hat. Obwohl ich glaube, dass Veränderungen gut sind und der Tourismus für Portugal sicherlich eine der wichtigsten Einnahmequellen, denke ich doch, dass man aufpassen sollte, dass man nicht den Charme zerstört. Ich habe Lissabon nie als eine Schaufenster-Stadt wahrgenommen, aber so fühlte es sich zuletzt an.

Lissabon: „Die Stadt selbst ist der Star“ – noch …

LS: Was hat Lissabon zum Schauplatz für Deinen Film Fado werden lassen – und zu einem, wie Du es genannt hast, Antagonisten des von Golo Euler gespielten Fabian?

Lissabon, Terreiro do Paço: Golo Euler als Fabian im Film "Fado". Copyright: StickUp Filmproduktion
Lisboa, Terreiro do Paço: Selten sieht man diesen prominenten Ort Lissabons so menschenleer und melancholisch festgehalten wie in dieser Szene des Films „Fado“. Hier mit Golo Euler als Fabian. Copyright: StickUp Filmproduktion

JR: Dieses Metaphysische. Die Atmosphäre. Das Gefühl von Vergänglichkeit. Aber vor allem Gefühl. Etwas, das nicht kontrollierbar ist. Wo du dich verlierst und deiner Wahrnehmung nicht mehr trauen kannst. Das äußert sich für mich in vielen Dingen. Den verwinkelten Gassen der Alfama, wo du gar nicht anders kannst als dich zu verlaufen. Der unzähmbaren Kraft des Meeres, das so omnipräsent ist. Die drohende Gefahr eines möglichen Erdbebens. Der puren Emotion des Fado. Und der Lebendigkeit des Lebens in Lissabon. Aber ich glaube tatsächlich auch viel in der Melancholie. Der Sehnsucht. Und ja. Vergänglichkeit. Es geht ja um etwas, das nicht mehr zum Leben zu Erwecken ist – die Beziehung. Und dieses Gefühl von Vergänglichkeit und Endlichkeit. Der drohende Verlust. Das Bewusstsein über die eigene – ehemalige – Größe und Bedeutung. Das alles steckt für mich in Lissabon.

LS: Hat die Entscheidung für Lissabon, hat die Stadt auch die Geschichte selbst und wie ihr sie erzählt habt beeinflusst?

Lissaboner Abendausflug: Der Atlantik. Foto: Eva Maekler
Lissabon und seine Lage am Atlantik haben das Drehbuch zu „Fado“ mitgeschrieben. So wurde das Motiv der Welle zum wesentlichen Element. Foto: Eva Maekler

JR: Absolut. Deswegen bin ich ja so häufig nach Lissabon gefahren, um die Stadt kennen zu lernen. Ein Gefühl dafür zu entwickeln. Die Elemente von Tsunami und Erdbeben sind erst ins Drehbuch gekommen, nachdem ich davon auf einer meiner Reisen erfahren habe. Und das ist ja ein ganz wesentliches Element.

LS: Wie habt ihr die Drehplätze gefunden?

Altes Lisboa: Schauplatz des Dramas um Dora und Fabian. Copyright: StickUp Filmproduktion
Altes Lissabon: Sich hier zu verlieren, ist ein Faszinosum für den Regisseur von „Fado“. Eine dramatische Rolle spielt das Thema für die Hauptfiguren Doro und Fabian, eindringlich gespielt von Luise Heyer und Golo Euler. Copyright: StickUp Filmproduktion

JR: Wir sind vor allem durch die Stadt gelaufen. Stundenlange Spaziergänge. Sich verlieren und was entdecken. Da war zum einen die Regie-Assistentin Astrid Menzel sehr wichtig. Sie lebte damals in Lissabon und führte uns an ein paar Ecken, die sie kannte. Ansonsten bin ich mit meinem Co-Autoren Sebastianl Bleyl und später mit Alex Haßkerl, der die Kamera gemacht hat, rumgelaufen. In der finalen Phase war es vor allem wichtig Orte zu finden, die zu der emotionalen Verfassung unserer Hauptfigur passten bzw. sie herausforderten. Früher fand ich es wirklich faszinierend, das im Stadtzentrum relativ wenig verändert beziehungsweise renoviert wurde. Das ändert sich ja zunehmend, aber das war für mich lange die große Anziehung für Lissabon. Abgesehen davon, dass ich jedem empfehlen würde auf die andere Seite zu fahren und Pasteis zu essen, finde ich, dass Lissabon sich perfekt eignet um sich einfach treiben zu lassen. Ohne Ziel verlaufen. Das Metaphysische an Lissabon ist ja eben auch, dass es keinen Eifelturm, oder kein Empire State Building gibt. Kein Wahrzeichen was elementar ist. Die Stadt an sich ist der Star.

„Zuhause“ in Lissabon

LS: Gibt es ein paar Orte in Lissabon, an denen Du Dich schon ein wenig zuhause fühlst?

Lisboa und der Tejo: Blick aus dem Fenster des Cacilheiro. Copyright: Sebastian Bleyl
Lissabon und der Tejo: Eine Fahrt mit dem Cacilheiro auf die andere Seite des Flusses gehört für Jonas Rothlaender dazu, um die Magie Lisboas zu erleben. Hier hat „Fado“-Drehbuch-Coautor Sebastian Bleyl den Blick aus dem Fenster der Fähre festgehalten. Copyright: Sebastian Bleyl

JR: Ist zwar ein bisschen Klischee, aber ich fahre mindestens ein mal nach Belém, um dort Pasteis de Nata zu essen. Ansonsten war ich immer sehr gerne in der Lounge-Bar, die auch im Film zu sehen ist. Weiterhin liebe ich es auf die andere
Seite (nach Cacilhas, die Red.) zu fahren und dort spazieren zu gehen. An diesen alten Fischer-Baracken entlang. Da ist Lissabon bislang irgendwie unantastbar gewesen. Ein bisschen ist das wie eine kleine Zeitreise. Die Fantasie, was das früher mal für ein Ort gewesen sein muss, als die Fischerei noch ein größerer Bestandteil war. Ansonsten esse ich gerne Dorade, wenn ich da bin. Aber das an verschiedenen Orten. Und ein Spaziergang zur Brücke ist auch jedes Mal obligatorisch.

Interview: em

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